
Die meisten Deutschen wissen weder, was in der Magna Carta steht, noch daß die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sich auf den englischen Vorläufer bezieht. Als die Urkunde 1939 auf der New Yorker Weltausstellung im Original ausgestellt wurde, brach eine wahre Hysterie aus. Tausende von Amerikanern warteten Tag für Tag in langen Schlangen, um das Dokument „voller Ehrerbietung und Stolz“ zu betrachten.
Immerhin war es das erste Mal, daß ein König einen Teil seiner Macht an ein geschriebenes Gesetz abtrat. Er konnte nun nicht mehr willkürlich seine Untertanen verhaften, gefangen halten, enteignen, ächten oder verbannen. Das klingt zunächst gut. Doch beginnt damit der Übergang der Legitimation von Gott, der den König eingesetzt hat, auf einen Konsens unter den Menschen selber. Und daraus ergibt sich im Verlauf der Jahrhunderte die Zerstörung der natürlichen Ordnung durch Mehrheitsbeschlüsse.
Was im Jahre 1215 unter harten Verhandlungen zwischen König und Adligen als Resultat einer bestimmten historischen Situation entstanden ist, wird 1776 in der Unabhängigkeitserklärung bereits als „self evident truths“ (offensichtliche Wahrheiten, die keiner Begründung mehr bedürfen) verkündet. So hat sich eine „Menschheitsreligion“ entwickelt mit eigenen Dogmen und – wie bekannt – einer eigenen Ketzerverfolgung.
Auch die 800 Jahre-Euphorie in England und den USA kann nicht die Krise übersehen, in der sich die Menschheitsreligion derzeit befindet. Von der „Renaissance autokratischer Staatsmodelle“ ist da mit Bedauern die Rede. Und solche Auffassungen liegen den Deutschen traditionell besser als ein antrainierter „Verfassungspatriotismus“.













