Sommersonnenwende in Stonehenge

Sommersonnenwende an einem der bedeutendsten Ritualplätze aus europäisch-heidnischer Vorzeit.

Am Morgen des 20. Juni startete die lang ersehnte Reise an einen der wichtigsten Kultplätze der über 6.000 Jahre alten Verehrung und mythologischen Verbundenheit in den alles bestimmenden Zyklus von Mond und Sonne. Die Ära der beginnenden Bronzezeit und die vermuteten Veränderungen von Klima und Natur zwangen die Menschen in den Regionen des heutigen Nordeuropas dazu, von dem vorwiegend geführten Nomadenleben in eine Gesellschaftsstruktur zu wechseln, die nicht mehr nur den Jäger und Sammler benötigte, sondern in der der Ackerbau immer wichtiger wurde, um die nun regional gebundenen Siedler zu ernähren. Das brachte mit sich, dass das Wissen über zyklische Abläufe und die Bestimmung von Jahreszeiten unabdingbar für die Ernährung von Generationen geworden war. So kam es, dass sich Menschen in dem heutigen Gebiet südwestlich von London fanden, um wohl einen der imposantesten Kalender in Europa zu errichten. Welcher Antrieb und welches Wissen dafür in der damaligen Zeit, als es nicht im Ansatz die Werkzeuge und technischen Ausrüstungen gab, ist mehr als überwältigend. Schon allein das Bearbeiten tonnenschwerer Thrusensteine und nicht zuletzt der über hundert Kilometer weite Weg, den diese Steine zum späteren Bauplatz zurück gelegt haben, ist ein deutliches Zeichen für die Wichtigkeit dieses Bauwerkes für die damalige Zeit.

So kam es das in mir der Gedanke, um nicht zu sagen der Wille reifte, dass ein Besuch dieser Kultplätze unabdingbar ist. Besonders für jemanden der die Wichtigkeit der Natur und für das Leben im Einklang mit eben dieser verstehen will. So machten wir uns also auf den Weg nach England. Wir kamen ziemlich erschöpft von der langen Reise am späten Abend in der Region Wiltshire an, wo auch schon einige Menschen in Druidengewändern und der gleichen zu sehen waren. Nachdem wir unser Zelt aufgebaut hatten und eigentlich schon auf dem besten Wege waren in die Schlafsäcke zu kriechen, riss uns die Neugier nun doch noch auf die Beine, um zu schauen, wie viele Leute jetzt schon an dem alten Steinkreis sind. Wir staunten nach dem kurzen Fußmarsch nicht schlecht, als wir schon ca. 5.000 Menschen dort erblickten, die so wie wir schon am Vorabend angereist waren. Also mischten wir uns unter die Menge und beschlossen nach kurzer Zeit in guter Runde und nach ein paar durchaus tiefgründigen Unterhaltungen mit einer Gruppe aus Sheffield doch unsere Nacht im Inneren des Steinkreises zu verleben. So verbrachten wir nun die Zeit bis zum morgendlichen Sonnenaufgang bei der Musik, der Trommeln und Rufhörner, um bei fachkundiger Anleitung eines Druiden uns die Besonderheiten der Sterne in dieser „mystischen Nacht“, wie er sie nannte, mit anderen Augen zu sehen.

So waren es dann doch sehr kurzweilige fünf Stunden des Wartens bis das einsetzende Morgengrauen uns den baldigen Beginn des längsten Tages im Jahreslauf verkündete. Da sah man nun auch die große Zahl von 23.000 Menschen, die hier zusammenkamen, um diesen Tag zu feiern und um sich somit auf eine lange Kultur der Huldigung der natürlichen Abläufe zu besinnen. Es war ein Sonnenaufgang wie kein anderer, bevor man auf einmal alle möglichen Instrumente um einen herum erklingen hörte, wobei die Rufhörner, die wohl größte Gruppe stellten und die Menschen ihre Hände in Richtung der Sonne erhoben, um die ersten warmen Sonnenstrahlen an diesem so bedeutenden Tag zu spüren. Als nach ca. einer Stunde des nun fast euphorischen Zelebrierens dieses wohl wichtigsten Tages neben der Wintersonnenwendfeier, die Wolken sich vor die Sonne schoben, brachen wir dann doch auf, um unser Lager zu beziehen.

Es bleibt auf jedenfalls eine gute Erfahrung einmal die besondere Atmosphäre an diesem Tag und ganz besonders an diesem altehrwürdigen Platz miterlebt zu haben. Und so bleibt zu hoffen, dass unser Volk und auch die Kultur schaffenden Völker Europas auch noch in tausend Jahren an die Kultplätze unserer Vorfahren pilgern, um die ewige Verbundenheit mit der Natur zu bekunden.