Körper und Geist: Wing Tsun

Am 07.07. traten verschiedene Aktivisten unserer Partei dazu an, ihre Kräfte im Ring miteinander messen. Wir haben daher einige sportliche Mitglieder der Bewegung gebeten, ihre Sportarten kurz vorzustellen und darüber zu schreiben. In dem heutigen Teil geht es um das Wing Tsun.

 

Die Entstehungsgeschichte des Wing Tsun:

Um die Entstehungsgeschichte des Wing Tsun ranken sich viele Sagen und Legenden, die in verschiedenen Büchern wiedergegeben werden. Es läßt sich jedoch ein roter Faden erkennen, der Aufschluß darüber gibt, wie es zu allem kam. So liegt der Ursprung in China vor etwa 300 Jahren. Nach einer schweren Hungersnot, die eine Folge des sehr harten Winters war, sahen die Mandschu, welche im Norden des Landes lebten, ihre Chance auf einen Staatsstreich. Mit aller Härte fielen sie in das Land ein und brandschatzten sich bis nach Peking durch. Als die Hauptstadt gefallen war, beging der Kaiser Selbstmord, um der Gefangennahme zu entgehen.

Hier endete die Ming Dynastie und die Mandschu ersetzten den Kaiser durch Ching, welcher einer der ihren war. Somit begann die Ching Dynastie und die Unterdrückung aller Chinesen. Als Zeichen hierfür mußten sie sich das Stirnhaar entfernen und den Rest zu einem Zopf flechten. Die unterdrückten Han-Chinesen hatten schwer zu leiden. Es gründeten sich kleinere Widerstandsnester, deren Ziel ein neuer „gelber“ Kaiser war, der die Unterdrückung durch die Mandschu beendete. In diesen Geheimbünden wurde Kung Fu in verschiedenen Stilen unterrichtet. Da auf die Mitgliedschaft in solchen Gruppierungen die Todesstrafe stand, erschufen sich die Involvierten Tarnidentitäten, um sich zu schützen.

Nach der Zerschlagung eines dieser Widerstandsnester, eines Shaolin Klosters, floh die vermutlich zur Tarnung als „Nonne“ genannte Ng Mui. Ng Mui stammte aus einer kaisernahen adeligen Familie. Als Peking überrannt wurde, floh sie aus der Hauptstadt und kämpfte sich über Jahre nach Süden durch, in welchem sich viele Widerstandsgruppen befanden. Sie hatte beschlossen, trotz aller Gefahren, gegen die Unterdrücker zu kämpfen. Da Ng Mui eine Frau war und dazu noch klein und zierlich, war ihre Art der Kampfkunst weniger auf Kraft ausgelegt, sondern eher auf Technik und der Ausnutzung der gegnerischen Kraft zum eigenen Vorteil.

Hierfür beobachtete sie in der Wildnis das Kampfverhalten von Tieren und übertrug ihre Beobachtungen auf den Menschen. Sie entwickelte ihren eigenen Kampfstil. Im oben genannten Kloster fand sie eine Zuflucht und Anhänger der Ming Dynastie. Hier, unter den Shaolin Mönchen trainierte sie fleißig und ausdauernd an ihrem eigenen Kampfstil. Sie war so talentiert, dass sie es sogar bis zum Rang eines Meisters schaffte. Als die Mandschu schließlich mit aller Brutalität dieses Widerstandsnest zerschlugen, setzten sie ein Kopfgeld auf Ng Mui aus. Tot oder lebendig.

Also floh sie erneut und schlug sich in den Westen des Landes durch, wo sie sich am Tai-Leung Berg im „Weißen Kranich“ Tempel niederließ. Im dortigen Dorf lernte Ng Mui die Tochter eines Tofu Verkäufers kennen. Ihr Name war Yim Wing Tsun. Drei Jahre lang lehrte Ng Mui diesem Mädchen ihre Kampfkunst in privatem Unterricht. Sie war sehr begabt und besaß Talent. Bis jetzt hatte diese Kampfkunst noch keinen eigenen Namen. Yim Wing Tsun gab ihr Wissen an ihren Ehemann weiter und dieser an seinen Neffen. Auf die Frage des Neffen, wie denn dieser Stil heiße, soll Yims Ehemann gesagt haben: „Das ist Wing Tsun Kuen.“ (Das ist der Fauststil von Wing Tsun). Das wird als die Geburtsstunde der Namensgebung geschildert. Von da an wurde es immer weitergegeben und landete schließlich bei seinem berühmtesten Vertreter – Ip Man, dessen Schüler Bruce Lee war. Dieser trug durch seine öffentlichen Auftritte dazu bei, dass diese Kampfkunst, die bis dahin nur für Chinesen vorbestimmt war, auch der breiten Masse zugänglich wurde. In Deutschland war es Keith R. Kernspecht, der sich dem Wing Tsun verschrieb und es mit Herz und Seele verinnerlichte.

Er gründete 1976 die EWTO (Europäische Wing Tsun Organisation) und hat seitdem stets daran gearbeitet, Wing Tsun weiter zu verbreiten und zu verfeinern. Kernspecht hat Bücher geschrieben und darin das Wesen dieser Kampfkunst geschildert und immer weitere Facetten hinzugefügt. So wie in seinem letzteren Werk „Das Innere Wing Tsun“. Hier erfährt man einiges über die Kräfte, die man aus dem Inneren seines Körpers gewinnen kann.

 

Inhaltliches:

Es gibt mehrere Formen im Wing Tsun, die die Schüler, je nach ihrem Grad, erlernen. Es beginnt mit der „Siu Nim Tao“, was übersetzt „kleine Idee“ bedeutet. In ihr lernt man vor allem das Standvermögen sowie erste Arm- und Schlagübungen und Abwehrtechniken.

In der „Chum Kiu“ wird sozusagen der Kontakt zum Gegner gesucht. Grob übersetzt bedeutet diese Form „suchende Arme“ oder auch „Brückenarme“. Hier kommt nun mehr Bewegung ins Spiel und man erweitert seine Möglichkeiten. Mit Schrittkombinationen und Drehungen wird nun der Kontakt zum Gegner hergestellt und weitere Angriffe oder auch Verteidigungen geschult.

Mit der „Biu Tze“ Form, was „stechende Finger“ bedeutet, lernt man effizient anzugreifen und aus ungünstigen Situationen herauszukommen. Die Techniken in dieser Form sind sehr brutal und kompromisslos.

Im „Chi Sao“, was „klebende Hände“ übersetzt bedeutet, erreicht man nun eher die Schwellen der reinen Kampfkunst, denn sie greift insbesondere dann erst, wenn ein Angriff mißlang und man nun sich im Clinch befindet. Hier geht es schwerpunktmäßig um das Fühlen und das frühzeitige Erahnen der gegnerischen Angriffe, sowie deren Verteidigung. Wenn man diese Form beherrscht, so kann man überspitzt gesagt mit geschlossenen Augen kämpfen, da man auf den Körper und die Bewegungen des Gegners reagiert.

Die „Mok Jan Chong wird auch „Holzpuppenform“ genannt. Hierfür wird eine dementsprechende Holzpuppe benötigt, die als Trainingspartnerersatz fungiert. Außerdem dient sie als Abhärtung. In diversen Kung Fu Filmen wird sie oft gezeigt.

Es folgen die „Luk Dim Bun Guan“ Form, welche auch als „Langstock“ bezeichnet wird und die „Bart Cham Dao“ die „Doppelmesserform“. Beides sind Waffenformen und erklären sich von selbst.

Im Wing Tsun ist die Hierarchie sehr familienbezogen aufgebaut. Deshalb nennt man sie auch gerne Familiensystem, was daher kommt, dass es früher keine Grade im Wing Tsun gab. Heute hat man sich da etwas weiterentwickelt. Es gibt Kinder-Schülergrade, Schülergrade, höhere Grade usw.

Das Familiensystem ist aber dennoch gleichgeblieben. So nennt der Schüler seinen Ausbilder „Si-Hing“ oder „Si-Je“ was übersetzt „großer Bruder“ oder „große Schwester“ bedeutet. Der Ausbilder dieser Ausbilder und somit der Kampfschulenleiter / Chef wird „Si-Fu“ genannt. Das bedeutet „Vater“. Eine Kampfsportschule wird immer von einem „Vater“ geführt. Der Ausbilder dieses „Si-Fu“ wird „Si-Gung“ genannt und ist gleichbedeutend mit „Großvater“. Weiter geht es dann mit dem „Si-Jo“ welches dann natürlich für „Urgroßvater“ steht. Somit ist eine Abstammungslinie zu erkennen, ähnlich eines Familienstammbaumes, welche auch für die Qualität der Ausbildung steht. Es gibt nämlich auch Schulen, die sich mit dem Namen Wing Tsun Schule (wird meistens unterschiedlich geschrieben z.B. Ving tzun) schmücken, aber es ist fraglich, woher diese Meister ihr Wissen haben. Es dient somit auch als eine Art Qulitätszertifikat.

Im Zuge der Zeit wird Wing Tsun nun auch für Kinder ab 5 Jahren angeboten. Hier werden vor allem Selbstbewußtsein trainiert, frühzeitiges Deeskalieren von brenzligen Situationen, richtig Hilfe holen, Gefahren einschätzen lernen, Umgang mit Lockvorgängen von Fremden („steig zu mit ins Auto, ich habe Hundewelpen zu Hause“) sowie natürlich auch Selbstverteidigung. Durch Spiele werden Werte übermittelt und selbstverständlich auch das Training aufgelockert.

Wing Tsun ist eine Kampfsportart, die wirklich jeder lernen kann, da sie viele Facetten hat und keine großen körperlichen Voraussetzungen benötigt. Es zeigt außerdem, dass ein körperlich Unterlegener trotzdem eine Chance hat, zu gewinnen. Eben durch Technik.

 

„Je weniger Entscheidungen Sie im Kampf fällen müssen, desto besser. Desto schneller können Sie reagieren. … Die Selbstverteidigungsmethode ist die beste, die mit den wenigsten Bewegungen den meisten Angriffssituationen begegnen kann.“

Keith R. Kernspecht