Nestlé will Bürgern das Wasser abdrehen, um es zu verkaufen

Raubtierkapitalismus, das bedeutet Profit um jeden Preis, auf Kosten anderer und selbst der zukünftigen Generationen, getreu dem Motto: „Nach uns die Sintflut“. Dies schreibt man sich als Unternehmen jedoch nur ungern auf die Fahne und so wirbt man gerne mit bunten, grade dem Zeitgeist entsprechenden Phrasen. So auch Nestlé. Auf der Firmenwebseite spricht man von Engagement, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Verantwortung. Wie die Realität aussieht und wo die Prioritäten liegen zeigt sich jedoch, wenn diese schönen Worte im Konflikt mit der Gewinnbilanz stehen, wie es zurzeit im lothringischen Vittel der Fall ist.

Nestlé kaufte 1992 in dem damals heruntergekommenen Kurort das Recht aus tief liegenden Gesteinsschichten Grundwasser fördern und verkaufen zu dürfen. Das Problem, vor dem sowohl Nestlé als auch die in Vittel lebende Bevölkerung stehen, ist, dass der Wasserspiegel seit fast 50 Jahren um 30 Zentimeter pro Jahr sinkt. Ganz im Sinne von „Verantwortung“ und „Nachhaltigkeit“ fördert Nestlé weiter jedes Jahr rund 750 Millionen Kubikmeter Mineralwasser, denn dieses ist bis zu 160 Mal so teuer wie gewöhnliches Wasser aus der Leitung. Das Resultat: 2050 wird der Wasservorrat aufgebraucht sein.

Um dem entgegenzuwirken und das einträgliche Geschäft auch in Zukunft am Leben zu halten, hat Nestlé zwar seine Fördermenge schon reduziert – Nestlé dürfte 1 Million Kubikmeter fördern, ein Viertel mehr als es momentan tut – doch die endgültige Lösung des Problems sieht anders aus. Zumindest wenn es nach Nestlé geht. Das Unternehmen möchte nämlich, dass die 5000 Einwohner des Ortes Vittel ihr Wasser nicht mehr aus der Quelle beziehen, sondern aus einer 20 bis 30 Kilometer entfernten. Die dazu nötige Pipeline, welche mit 20 Millionen veranschlagt wird, soll natürlich auf Kosten der Steuerzahler errichtet werden.

Nestlé und seine Aktionäre streichen die Gewinne ein und die Gemeinschaft darf die Rechnung begleichen. Über den Umweg der Pipeline, welche Nestlé erlauben würde weiter Mineralwasser zu verkaufen, würde man damit den größten Nahrungsmittelkonzern der Welt staatlich subventionieren. Aber wie die Bankenkrise schon zeigt, gelten für die ganz Großen andere Regeln, als für die Allgemeinheit.

Politisch wurde diese Maßnahme bereits durch die Wasserkommission abgewunken, was auch nicht überrascht, wenn die Kommissionsvorsitzende mit einem ehemaligen Nestlé Manager verheiratet ist und die Staatsanwaltschaft bereits wegen des Verdachts auf Lobbyarbeit ermittelt. Aufgrund öffentlichen Druckes wurde die Entscheidung der Wasserkommission ausgesetzt und eine neue Abstimmung ist für September geplant. Ob diese anders ausfallen wird, ist fraglich. Zwar kritisierte der konservative Bürgermeister der Stadt das Unternehmen, gleichzeitig wies er aber auch auf dessen wirtschaftliche Bedeutung für die Region hin.

Nestlé baut währenddessen seine Kontrolle über die Region weiter aus. Das Unternehmen kaufte zur Schaffung eines privaten Wasserschutzgebietes systematisch über Tochterunternehmen Felder, Wiesen, Obstplantagen und Wälder mit einer Gesamtfläche von 10.000 Hektar. Die Flächen werden an Bauern verpachtet, die sich vertraglich verpflichtet haben, keine Pestizide und Nitrate auszubringen. Ebenfalls vertraglich verboten ist das Tränken von Tieren mit Wasser aus den verpachteten Gebieten, denn dieses beansprucht Nestlé für sich. Wie die Anwohner auch sollen sie das Wasser, das sie benötigen, aus anderen Regionen herbeiholen.

Die Absurdität des Ganzen, Wasser unter hohem Aufwand, Umweltbelastung und Kosten aus der Ferne zu importieren, damit ein privates Unternehmen aus dem Wasser vor Ort Gewinn schlagen kann, ist nicht nur eine Warnung vor den Exzessen des entfesselten Raubtierkapitalismus. Sie zeigt auch was passieren kann, wenn ein lebenswichtiges Allgemeingut in die Hände internationaler Großkonzerne gerät und die politisch Verantwortlichen entweder zu feige sind diesen die Stirn zu bieten oder gar mit ihnen unter einer Decke stecken.