Vom Mangelwesen zum Übermenschen – Teil 3/4

Stehen wir heute über der Natur?

Bei der Beantwortung der Frage, ob der Mensch über der Natur steht, wollen wir zwei Perspektiven unterscheiden. Die des Individuums und die der Gesellschaft. Es sei erwähnt, dass wir hier nicht die gesamte Menschheit betrachten wollen, sondern lediglich das, was man im Allgemeinen als „Westen“ bezeichnet und vielleicht einige nicht-europäische, aber vergleichbare Länder wie Japan oder Russland. An Orten wie in Afrika oder weiten Teilen des Nahen Ostens wird das Gesagte nicht zutreffend sein.

Vom alltäglichen Leben der meisten Individuen her gesehen hat die Natur oberflächlich betrachtet nur noch wenig Einfluss auf das Leben eines Menschen. Der materielle Überfluss und die in den meisten Ländern vorhandenen Sozialsysteme sorgen dafür, dass niemand mehr verhungert oder auf der Straße leben müsste. Missstände in der BRD seien einmal ignoriert, aber rein technisch ist es möglich die Grundbedürfnisse jedes Menschen zu stillen, sodass das Leben schon lange kein Überlebenskampf mehr ist. Auch den Naturgewalten ist der Mensch heute weit weniger ausgeliefert, als noch vor ein paar Hundert Jahren. Das Wetter kann man zumindest innerhalb von Menschen geschaffenen Räumen wie Gebäuden und Fahrzeugen nach Belieben kontrollieren und die Fortschritte bei der Wetterbeeinflussung, wie das Abregnen von Wolken oder Präventivmaßnahmen gegen Hagel, zeigen, dass auch im Großen der Mensch der Natur beim Wetter zunehmend seinen Willen aufzwingen kann. Bei Naturkatastrophen ist die Sache ein wenig schwieriger. Auf der einen Seite sorgen beispielsweise Dürren für keine Hungersnöte mehr und auch die Folgen vieler anderer extremer Wettererscheinungen wie Überflutungen oder Stürme sind heute stark abgemildert. Auf der anderen Seite schafft die Anfälligkeit, die unsere Infrastruktur gegen einige dieser Ereignisse besitzt, in Verbindung mit unserer Abhängigkeit von diesen Einrichtungen, völlig neue Probleme. So kann mangelnde Vorratshaltung, etwas das unter „normalen“ Umständen nicht nötig ist, bei einer Flut die eine Stadt von der Außenwelt abschneidet, die Rettungskräfte vor zusätzliche Schwierigkeiten stellen. Ein weiteres Beispiel wären die Ereignisse um Fukushima, welche erst durch das Vorhandensein eines Atomkraftwerkes bedeutsam wurden.

Zum Individuum kommend, ist die Antwort auf die Frage, inwiefern wir unsere Natur überwunden haben ähnlich differenziert. Zwar sind dem Menschen an sich noch immer die gleichen körperlichen Grenzen gesetzt wie seinen Vorfahren, und doch konnte er diese ausweiten, und zwar indem er Maschinen schuf, die die Aufgaben übernehmen, die außerhalb seiner Möglichkeiten liegen. Autos, Züge, Schiffe und Flugzeuge erlauben es ihm sich schneller zu bewegen, als seine Beine und die jedes Tieres, es jemals ermöglichen würden. Kräne und Lkw`s erlauben es ihm Lasten jenseits seiner eigenen Muskelkraft zu bewegen. Seine Maschinen statteten ihn aber nicht nur mit übermenschlicher Stärke aus, sondern auch mit Präzision. Computergestützte Fertigungsverfahren erlauben die Herstellung miniaturisierter Dinge wie Mikrochips oder das Arbeiten mit so niedrigen Toleranzen, dass selbst ein Meister seines Faches sie nicht erreichen könnte. Weiter sind viele dieser Dinge mehr und mehr ohne sein Zutun möglich, da Maschinen eine Vielzahl dieser Aufgaben vollautomatisch übernehmen können, wodurch der Mensch seine Arbeitskraft um das Vielfache multiplizieren konnte.

So bedeutend die Erweiterung der körperlichen Möglichkeiten durch diese Erfindungen auch sein mag, ist die Erweiterung der geistigen Kapazität durch das Computerzeitalter vielleicht noch um vieles weitreichender. Nehmen wir beispielsweise das Smartphone, welches wie ein trivialer Alltagsgegenstand erscheint und doch so viel mehr ist. Es ermöglicht nicht nur die sofortige Kommunikation mit anderen Menschen über beliebige Entfernungen, sondern ist durch die Kombination mit dem Internet und Suchmaschinen zu einem Portal zu dem gesammelten Wissen der gesamten Menschheit geworden. Mit dem richtigen Suchbegriff kann mit ihm alles, vom Wetter des nächsten Tages, über historische Ereignisse, bis zu den neusten Entdeckungen in der Quantenforschung in Erfahrung gebracht werden, und zwar sofort und von praktisch überall. Im Grunde stellt ein Smartphone somit eine Erweiterung der Kapazität des menschlichen Gedächtnisses dar, welches auf sich allein gestellt kaum noch in der Lage ist, die Komplexität der modernen Welt zu bewältigen. Dass dies selbst auf Spezialisten zutrifft, sieht man beispielsweise an der zunehmenden Bedeutung die Expertensysteme in der Medizin haben. Dabei handelt es sich um Künstliche Intelligenzen (KIs), die auf der Basis des gesamten Fachwissens einer Wissenschaft versuchen, unter anderem Diagnosen oder Prognosen zu stellen. So sehr sich der Otto-Normalbürger auf das Urteil von Fachmännern wie Ärzten verlassen muss, ist klar, dass das gesamte Wissen auch nur einer Wissenschaft nicht mehr von nur einer Person überblickt werden kann. Kommen dann noch komplexe Wechselwirkungen, wie beim Zusammenspiel verschiedener Medikamente, zum Tragen sind Fehler unvermeidlich, da niemand jede einzelne Möglichkeit in Betracht ziehen kann. Ein Rechner kann dies, er vergisst nichts, verrechnet sich nicht, kann jedes noch so kleine Detail beurteilen und kann buchstäblich jedes denkbare Szenario durchspielen und bewerten. All dies tut er in wenigen Minuten oder gar Sekunden und ist dabei niemals müde, nachlässig oder abgelenkt.

Zugegeben, in der Praxis müsste man einige dieser Aussagen mit Fußnoten versehen, doch an der Tatsache, dass schon die Rechenleistung eines Smartphones, ganz zu schweigen von der eines Rechenzentrums, die Denkleistung des Menschen in den Schatten stellt, ändert dies nichts. Die einzigen Bereiche, in denen der Mensch auf geistiger Ebene noch dem Computer überlegen ist, sind Dinge wie Kreativität und Fantasie, doch wie lange dies noch der Fall ist, lässt sich nicht sagen, denn Neuentdeckungen und kreative Lösungen durch Rechner sind nichts Neues mehr. Ebenso fraglich ist, wie lange diese scharfe Unterscheidung zwischen Rechner und Mensch noch Bestand haben wird, denn die gesamte Entwicklung deutet auf eine Fusion von Mensch und Maschine hin. Dies mag weit hergeholt klingen, denn wenn man von „Transhumanismus (das Überwinden der menschlichen Grenzen durch Technologie)“ oder „Cyborgs (Mischwesen aus Mensch und Maschine)“ redet, kommen den Meisten Bilder aus Hollywood ins Gedächtnis. Doch in gewisser Weise ist das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine schon so eng, dass es lediglich an der Integration beider Teile fehlt. Nehmen wir beispielsweise erneut das Smartphone und fragen uns, wie es mit dem Menschen interagiert. Von Bedeutung ist hier vor allem der Informationsfluss, welcher vom Prozessor/Speicher des Geräts über dessen Bildschirm zu den Augen und von diesen schließlich zum Gehirn verläuft. Wollte man Mensch und Smartphone als Cyborg betrachten, würde man im IT-Jargon den besagten Informationsfluss zwar als eine unausgereifte oder behelfsmäßige Schnittstelle zwischen zwei Komponenten bezeichnen, doch am Ende macht es kaum einen Unterschied, ob die Informationen nun den Umweg über das Licht als Trägermedium nehmen oder direkt in das Gehirn eingespeist werden.

Als einer der letzten großen Sprünge zur Überwindung der Natur ist zweifelsfrei die Gentechnik zu nennen. Während der Mensch in seiner biologischen Entwicklung den Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, würde die Meisterung dieser Technik ihm die völlige Freiheit über seine Existenz geben. Die Möglichkeit menschliches Leben frei nach seinen Vorstellungen zu formen, würde es dem Menschen erlauben, sich selbst der gleichen Entwicklung zu unterwerfen, mit der er seine Maschinen zur Perfektion treibt. Am Ende wird der Mensch vielleicht gar den Tod selbst bezwingen und den uralten Traum von Unsterblichkeit Wirklichkeit werden lassen. Ob all dies, die Modifikation des menschlichen Erbgutes, Fusion von Mensch und Maschine sowie endloses Leben, Dinge sind, die zu verfolgen es Wert ist, ist eine andere Frage. Hier geht es uns nur um die hypothetische Möglichkeit dazu und dass die Entwicklung, die wir erleben, unmissverständlich auf all diese Dinge zusteuert.

Um die Betrachtung des Individuums abzuschließen, wollen wir auf die Rolle der natürlichen Instinkte zu sprechen kommen und so positiv der Mensch bis jetzt im Vergleich zur Natur abschnitt, zeigt sich hier, dass sie ihn noch immer im Griff hat. Wir sagten, dass diese in einer Zeit geformt wurden, in der jeder Tag ein Kampf ums Überleben war. Seitdem hat sich jedoch viel geändert und zunehmend erweisen sich die Relikte aus dieser Zeit als Hindernis oder teils echte Gefahr. Das Beispiel, das wir hierzu bringen wollen, ist das Essverhalten des Menschen. Dieses ist auch heute noch so ausgerichtet, dass energiereiche Nahrungsmittel bevorzugt werden, was aus evolutionärer Sicht auch sinnvoll ist, denn über die längste Zeit der menschlichen Entwicklung hin war Nahrung nur spärlich vorhanden und so galt es, wann immer möglich, so viel Energie zu sich zu nehmen wie möglich, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Heutzutage sind schlechte Zeiten dagegen spärlich geworden und energiereiche und den Menschen ansprechende, wenn nicht gar süchtig machende, Nahrungsmittel in Fülle vorhanden. Das Resultat ist hinreichend bekannt und wird durch neomarxistische Ideologien wie Fat Acceptance weiter verschärft, da diese sich gegen jegliche Restriktion aussprechen und fordern, dass jedem Verlangen freien Lauf gelassen werden sollte. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die menschliche Natur im Konflikt mit der modernen Lebensweise steht, ist die Verstädterung. Der Mensch ist zwar ein Gruppenwesen und braucht Kontakt zu anderen Menschen nicht nur zum Überleben, sondern auch zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse. In der Vergangenheit waren die Gruppen, in denen Menschen zusammenlebten, jedoch relativ klein und in keiner Weise mit Großstädten zu vergleichen. Das Resultat ist, dass das der Einzelne in der Menschenmasse entmenschlicht wird, und trotz der Vielen um ihn herum vereinsamt.

Somit ist die Beantwortung der Frage, ob das Individuum über der Natur steht weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein zu beantworten. Was jedoch herausstach, war, dass die Menschen im Inneren noch immer den Gesetzen einer archaischen Zeit folgen, die heute zwar fehl am Platz sein mögen, denen er sich jedoch ohne weiteres nicht entziehen kann. Ebenfalls auffallend war, dass bei fast allen Aspekten, in denen sich der Mensch über sein angeborenes Potenzial hinaushob, die Gesellschaft als eine Art Puffer zwischen dem Individuum und der Natur agiert, was sich mit dem deckt, was Gehlen sagte, dass die Gesellschaft nämlich der eigentliche Lebensraum des Menschen ist. Wenn wir in diesem Zusammenhang von „Gesellschaft“ reden, ist damit nicht eine Ansammlung von Individuen gemeint, sondern ein System von Regeln, Institutionen und Mechanismen, die das Zusammenleben von Menschen in einem Staat regeln. Die Pufferfunktion der Gesellschaft ergibt sich dadurch, dass sie die natürlichen Gegebenheiten ausschaltet und an ihre Stelle neue, durch sie vorgegebene, setzt, die nun das Leben des Menschen bestimmen. Im Idealfall ist die von der Gesellschaft geschaffene Umgebung einfacher in dem Sinne, dass das Individuum sich mit einer geringeren Zahl an Problemen befassen muss, da die Gesellschaft diese bereits auf systematische Weise gelöst hat. Das Individuum muss sich somit nicht mit den Details und Widrigkeiten der niederen Stufen zivilisatorischer Existenz befassen und kann stattdessen die Dienste der Gesellschaft als gegeben hinnehmen, um, auf diesen aufbauend, sich höheren Zielen zu zuwenden.

In wenigen Tagen folgt Teil 4

Zum Nachlesen: Teil 1, 2