Vor 100 Jahren: Das Ende des Ersten Weltkrieges

 

„Ich bekenne ganz offen, daß ein voller Sieg des Reiches den Interessen der Sozialdemokratie nicht entsprechen würde.“ Heinrich Ströbel (SPD) im „Vorwärts“ am 23.02.1915

Das Jahr 1918: Alle kriegsführenden Nationen pressen das Letzte aus sich heraus. Wer jetzt weich wird, verliert den Krieg. Die Entente muss sich überall in der Welt ihre Truppen zusammensuchen. Nicht nur Australier und Kanadier haben die lange Reise angetreten, man findet auch Italiener an der Westfront, obwohl diese ihren eigenen Kriegsschauplatz haben, indische Kavallerie, die mit Säbeln gegen deutsche Maschinengewehre anrennen, Senegalesen und Sudanesen, deren Dörfer überfallen und niedergebrannt wurden, um die Männer zwangszurekrutieren. Sie erzählten, dass die Frauen getötet oder vertrieben wurden und man sie selbst nach Marokko trieb und dann nach Europa verfrachtete. So muss die Sklaverei ausgesehen haben, nachdem Columbus Amerika entdeckte. Russland ist aus dem Krieg ausgeschieden. Deutschland kann jetzt alles gegen die Westfront werfen. Daher müssen die Amerikaner am Krieg teilnehmen, andernfalls zerbrechen die Franzosen und Briten an der Last. Schon 1917 musste die französische Generalität ein Exempel statuieren und Meuterer erschießen, um eine Ausbreitung auf das ganze Heer zu verhindern.
In Deutschland wird dagegen gestreikt und im Parlament werden defätistische Reden gehalten. Cohn und Haase (Juden) von der USPD sagen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Der Kaiser und die Kapitalisten müssten beseitigt, die Waffen niedergelegt werden. Danach würden sich die Arbeiter aller Nationen verbrüdern und der Tag der Freiheit bräche an. In Wahrheit denkt im Feindesland niemand an Verbrüderung. Die Folge derartiger Reden ist aber Kriegsmüdigkeit. Der amerikanische Präsident Wilson macht mit seinem 14-Punkte-Programm (hier ein ausführlicher Artikel dazu) Versprechungen von einem Frieden ohne Sieger und Besiegte. (Nachdem die Deutschen ihre Waffen niedergelegt haben werden, wird man davon aber nichts mehr wissen wollen.) Da die Oberste Heeresleitung einen Siegfrieden nichtmehr für möglich hält, soll der Weg frei für Waffenstillstandsverhandlungen gemacht werden. Die Sozialisten planen eine Revolution und versuchen auch Frontsoldaten zu zermürben. Georg Ledebour von der USPD sagte bei einer Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte in Magdeburg:

„…seit dem 25. Januar 1918 haben wir den Umsturz systematisch vorbereitet … Wir haben unsere Leute, die zur Front gingen, zur Fahnenflucht veranlaßt, die Fahnenflüchtigen organisiert, mit falschen Papieren ausgestattet, mit Geld und Flugblättern versehen. wir haben sie an die Front geschickt, damit sie die Frontsoldaten bearbeiten und die Front zermürben sollten. Sie haben die Soldaten bestimmt, überzulaufen; und so hat sich der Zerfall allmählich, aber sicher vollzogen.“ Tägliche Rundschau, Nr. 640 vom 15.12.18

Laut Ledebour sollte die Revolution planmäßig am 5. November beginnen. Weil aber nicht alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, verlegte man den Termin auf den 9. November. In Kiel kam es aber schon Tage vorher zu Unruhen, weil aufständische Matrosen das Auslaufen der Flotte verweigerten.

In Kiel lag ein Teil der unversehrten deutschen Flotte im Hafen. Am 4. November hissten die Aufständischen  dort die rote Flagge auf einem großen Teil der Schiffe. Der Kommandant der „SMS König“ Carl Wilhelm Weniger und seine Offiziere verteidigten die Kriegsflagge. Daraufhin wurde das Feuer auf sie eröffnet. Der Erste Offizier, Korvettenkapitän Bruno Heinemann und der Adjutant, Leutnant zur See Wolfgang Zenker wurden erschossen. Auch weitere Schiffe und U-Boote, die sich den Aufständischen nicht anschlossen, wurden von den Forts unter Feuer genommen.
Deutsche schossen auf Deutsche.

Dann brach die Revolution im ganzen Land aus. Am 9. November wurde die Abdankung des Kaisers verkündet und die Republik ausgerufen. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen zeichnete sich nun ab, dass die Entente die Deutschen nicht mehr als gleichwertige Verhandlungspartner ansah. Durch die Ereignisse in der Heimat war eine Fortführung des Krieges nicht mehr möglich und ohne das Faustpfand der Wehrhaftigkeit konnte Deutschland keine Bedingungen mehr stellen. Jeder akzeptable Friedensschluss war zunichte gemacht. Über den Dolchstoß berichtete die „Schlesische Zeitung“ am 25. Januar 1919 in der Nr. 45:

„Am 7. November 1918 spät abends überschritt die deutsche Waffenstillstandskommission von Fournies herkommend bei Clairfontaine die französische Vorpostenlinie und fuhr über la Capelle nach St. Quentin. Bei den ersten Verhandlungen war die Entente zu einem entschädigungslosen Frieden bereit. Dieses Angebot meldete… General v. Winterfeld unserer Obersten Heeresleitung, die alsbald ihre Zustimmung gab. Inzwischen brach in Deutschland die Revolution aus, und als General v. Winterfeld wieder zu General Foch kam, erklärte dieser: `Ich habe eben die telegraphische Meldung erhalten, daß in Deutschland die Revolution ausgebrochen ist. Das ändert die ganze Lage. Nun ist Deutschland erledigt, das frühere Angebot hinfällig. Deutschland hat nun für die Gewährung eines Waffenstillstandes folgende Bedingungen anzunehmen.` – Dann gab er die zerschmetternden Bedingungen bekannt, unter denen wir jetzt schon zusammenbrechen drohen.“

Wie war es möglich, dass der Krieg verloren ging, obwohl der Feind den deutschen Boden während des Krieges gar nicht betrat? Ein siegreiches Deutschland hätte die politische Ordnung gefestigt und eine Revolution unmöglich gemacht. Daher war es die oberste Aufgabe der Revolutionäre, den Krieg zu verlieren. So konnte die alte Führung beseitigt und die neue eingesetzt werden.

Rückblick – Monate vor der Revolution: Die Fronten waren festgefahren und der Krieg dauerte nun schon 3,5 Jahre. Es begann die deutsche Frühjahrsoffensive. Was der Entente in der ganzen Zeit nicht gelang, gelang nun den Deutschen. Aus dem Stellungskrieg wurde ein Bewegungskrieg. Deutsche Truppen durchbrachen die Frontlinie, rollten sie auf, trieben den Feind vor sich her und stießen 70 Kilometer in Richtung Paris vor. Fernkampfgeschütze feuerten Granaten auf die Stadt. Panik brach aus. Sollte die Stadt geräumt werden? Dann kam der Vorstoß zum Erliegen. Die Entente sammelte ihre Kräfte. Der Gegenangriff folgte und das gewonnene Terrain musste abgegeben werden. Als dann auf deutscher Seite der Weg frei für Waffenstillstandsverhandlungen gemacht wurde, begann die Frontzersetzung zu wirken. Wieso noch kämpfen und womöglich sterben, wenn der Krieg ohnehin bald zu Ende ist? Ein neuer Typus Mensch wurde geformt. Neben den Frontsoldaten traten Männer, die sich geschickt vor der Front drückten und in der Etappe oder in der Heimat ein Pöstchen gefunden hatten. Versetzte man so einen Drückeberger doch einmal an die Front, wurde er einfach krank und kam zurück. Für einen geschickten Simulanten war es nicht schwer von der ärztlichen Tauglichkeitsstufe „kriegsdienstverwendungsfähig“ in die „garnisonsdienstverwendungsfähig“ zu wechseln. Es gab auch den Fahnenflüchtigen. Das Schlimmste was ihm passieren konnte war, dass er im Sicheren und Trockenen bei warmer Mahlzeit inhaftiert wurde und so den Krieg unbeschadet überstehen konnte. Das einzige Mittel, um dieses Gebaren zu verhindern, wäre die Todesstrafe für Meuterer und Fahnenflüchtige gewesen, die gab es im Kaiserreich aber nicht. So schwand die Schlagkraft des Heeres und der Marine. Trotz der Zersetzungsarbeit und des Fehlens von kriegsdienstverwendungsfähigen Soldaten gelang es der Entente nicht, eine militärische Niederlage des Deutschen Reiches herbeizuführen. Es war die Heimat, die aufgab. Eine Heimat die dem Frontsoldaten fremd geworden war. Deserteure und Saboteure waren die neuen Herren im Staat. Der britische General Frederick Maurice äußerte sich in den „Daily News“ wie folgend:

„Die deutsche Armee war vor dem Kriege die erste Europas. Bei dem Waffenstillstand verhielt sich das Verhältnis der alliierten und deutschen Streitkräfte an der Westfront wie fünf zu dreieinhalb. Die deutsche Armee ist von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht worden. Das Verhalten der Matrosen der deutschen Flotte kann man nur mißbilligen. sie zogen es vor, zu rebellieren und dem Feinde ihre Schiffe auszuliefern, statt dem Tode zu trotzen. Sie waren es, die Paris retteten.“ (M. Foß: Enthüllungen über den Zusammenbruch, Halle 1920, S. 25)

Dann war sie da, die Novemberrevolution. Deutschland versank im Chaos. Das Leid, das jetzt kam, war noch größer als die Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte. Die linksrheinischen Gebiete mit vier Brückenköpfen wurden vom Feind besetzt und Teile des Reiches von anderen Staaten einverleibt. Der Anschluss der ausgerufenen Republik „Deutschösterreich“ wurde von der Entente verweigert. Es kam zu blutigen inneren Kämpfen im neuen Staat. Der Schieberhandel erreichte seinen Höhepunkt. Die heimkehrenden Soldaten suchten Arbeit. Die gab es aber nicht, außer für die, die der Front fern geblieben waren. Es fehlte an Allem. Die Armut wuchs ins Unermessliche. Manche Kinder besaßen nicht einmal ein Paar Schuhe und das im Winter. Sie blieben also der Schule fern oder gingen barfüßig und wurden krank. Die Lebensmittelsituation wurde so schlecht, dass es zu einem massenhaften Sterben kam, bei dem auch wieder besonders Kinder betroffen waren. In Deutschland und Österreich-Ungarn starben so eine Million Menschen.  Es hieß, die Hungerblockade der Entente werde so lange aufrechterhalten bis der Friedensvertrag unterschrieben ist. Man erpresste sich die Unterschrift mit Toten. Reichsministerpräsident Scheidemann trat zurück und sagte „Welche Hand müsse nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?“ Nach ihm fanden sich aber andere, die das Diktat von Versailles unterzeichneten. Dieses regelte auch die Schuldfrage des Krieges. Festgeschrieben wurde, dass Deutschland am Krieg schuld sei. Wer schuldig ist, den kann man schließlich knechten und bis auf das Letzte ausnehmen. Und da die Geschichte bewies, dass Versailles als Fessel für die Deutschen nicht stark genug war, schuf man wenige Jahrzehnte später eine noch größere Schuld.





4 Kommentare

  • In ehrendem Gedenken an unsere tapferen Helden.

    Scharf 09.11.2018
  • Man sollte jedoch nicht vergessen dass die Generalität 3,5 Jahre lang nicht in der Lage war einen Sieg herbeizuführen. Auch wenn das Herr im Felde unbesiegt geblieben ist, reicht dieses Mittelmaß einfach nicht. Wir sind keine Franzosen die sich mit einem tapfer gekämpft aber verloren zufrieden geben. Es kann nur den Sieg geben alles andere wird uns nicht gerecht. Gerade das zögerliche Vorgehen des Kaisers seine nutzlose Kolonial und Flottenpolitik haben uns in ein Desaster geführt. Mir widerstrebt es zutiefst uns als Opfer der Geschichte zu sehen, jeder ist seines Glückes Schmied. Mit Verrat und Heimtücke muss jeder der aufbricht um zu herrschen rechnen. Wer davon überrascht wird hat nur gezeigt das er seinen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Die Frage der Schuld halte ich für nicht relevant, unsere Sache war gut und gerecht und wer sich rechtfertigt klagt sich an. Der deutsche Adel hat sich als zu international und weich entpuppt um diesen Sturm aufs Herz von Europa standzuhalten. Eine Generation später haben wir dann gesehen wie man mit Übermut und Gier einen sicheren Sieg verschenkt.

    Friedrich 09.11.2018
    • Die Kritik am Kaiser ist mit Sicherheit berechtigt. Es ist aber unmöglich über das Ende des Erstes Weltkrieges zu reden, ohne aufzuzeigen, wie die Roten das deutsche Volk bearbeitet und ausgenommen haben. Wer nichts über den Niedergang unseres Volkes lesen will, möge etwas über schönere Dinge lesen. Ganz gleich gehört das aber auch zu unserer Geschichte. Und immerhin konnte man dem deutschen Volk nach 1918 einen Widerstandswillen zurückgeben, indem man ihm zeigte was eigentlich hinter der Kulisse getrieben wurde. Die Schuldfrage ist genau das, mit dem das deutsche Volk geknechtet wird. Wenn dies nicht der Fall wäre, würde man nicht so viel Energie darauf verwenden diese Schuld immer wieder in die Köpfe zu setzen. Würde sich das deutsche Volk von der Schuld befreien, könnten die Karten neu gemischt werden. Vorher wird das niemals passieren. Zuerst kommt die geistige Freiheit. Was das hier bedeutet verstehe ich nicht: „Eine Generation später haben wir dann gesehen wie man mit Übermut und Gier einen sicheren Sieg verschenkt.“ Für mich hört sich das so an, als ob hier jemand den Geschichtsmärchen über Hitlers Welteroberugnsplänen aufgesessen ist?

      Barbarossa 10.11.2018
      • Interessanter Standpunkt so habe ich das noch nicht gesehen. Ich sehe gleichwohl die Gefahr wenn man sich zu sehr auf die destruktiven Kräfte fokussiert, man selbst in eine Art Opferhaltung fällt was dann zu Frustration und Apathie führen kann. Ich halte es für produktiver gerade aus den eigen Fehlern zu lernen und sie ungeschminkt zu betrachten. Was aber nur für kleine Kreise gilt. Der breiten Masse ist nicht gedient wenn wir uns selbst schlecht machen, dies habe ich in meinem ersten Kommentar vergessen zu erwähnen. Der obere Artikel gefällt mir auch sehr gut, ich wollte nur ergänzen das eigene Fehler den roten Banden erst die Möglichkeit zur Revolution gegeben haben.

        Beim zweiten Weltkrieg meinte ich mit Übermut und Gier die riesigen Überdehnungen der Fronten und Kapazitäten der Armeen. Nach den ersten sehr erfolgreichen Kriegsjahren wurden die Fähigkeiten der Truppen einfach zu optimistisch gesehen. Es ist natürlich sehr leicht aus der retroperspektive vermeintliche Fehlentscheidungen auszumachen, wenn nicht sogar arrogant. Die Formulierung muss ich zugeben war nicht sehr gelungen.

        Friedrich 12.11.2018

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