Nationalrevolutionäre Nietzsche Betrachtung – Teil 2/2

Wer gegen das Gutmenschentum polemisiert, kommt um Nietzsche nicht herum. Er ist der Größte und für lange Zeit der Einzige, der gezielt die herrschende Mitleidsmoral angreift. Nietzsche argumentiert, daß die Moral die Stärke der Schwachen ist und die Verdienste der Starken zunichte machen will. Nietzsches Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ handelt vor allem von der Macht der Schwachen und den Verfallserscheinungen, die sie hervorbringt. Gegen das Gute im moralischen Sinne setzt er das „moralinfreie“ Gute im Sinne von „gut gemacht“, „gut gebaut“, „gut gesagt“ und die moralinfreie Tugend im Sinne der antiken Virtus. Nietzsches Weltanschauung ist tatsächlich das Gegenteil aller bisherigen Weltanschauung: die „Umwertung aller Werte“. Wer das will, kann sich auf Nietzsche beziehen und wird von ihm gefesselt sein, was sicher für die meisten Nationalisten gilt. Aber die Schwierigkeit: Nietzsche ist kein Nationalist. An einigen Stellen kann man sogar zu der Ansicht kommen, daß Nietzsche ein „Antideutscher“ sei.

Zeitweise hat er sich als polnischen Adligen ausgegeben, nur um nicht als Deutscher dazustehen. Die „Götzendämmerung“ hat ein Kapitel „Was den Deutschen abgeht.“ Zwar habe Deutschland „männlichere Tugenden als sonst ein Land in Europa“, zum Beispiel die Tugend des Gehorsams, aber keinen Geist mehr: „Die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge“, erklärt Nietzsche über das zeitgenössische Deutschland und fragt „Denken sie heute überhaupt noch?“ „Die Macht verdummt“, „vermaledeiter Instinkt der Mittelmäßigkeit“.

Hier zeigt sich allerdings schon, daß das mit dem antideutschen Nietzsche auch nicht hinkommt. Er kritisiert die Deutschen ja dafür, daß sie nicht deutsch genug sind, also nicht aufs Ganze gehen, sondern sich hinter bürgerlicher Tätigkeit und politischer Routine verstecken. Nietzsche fordert die Deutschen in ihrer eigentlichen Bestimmung heraus und kreidet ihnen die Verschlafenheit an. Die deutschen Untugenden werden kritisiert und die Tugenden anderer Länder, das Leichte, Tänzerische hervorgehoben, um die Deutschen auch dazu zu erziehen.

Nach Nietzsche liegt die geistige Bedeutung Deutschlands schon in der Vergangenheit vor der Reichsgründung von 1871. Das Reich ist ihm zu politisch und pragmatisch. Besonders tadelt er die Schulen und Universitäten, die zu bloßen Ausbildungsstätten geworden seien und das geistige Abenteuer scheuten. Es geht aber nicht nur um Zeitkritik, sondern schon „seit einem Jahrtausend sind beinahe: „nirgendwo die zwei großen europäischen Narkotika, Alkohol und Christentum, lasterhafter gemißbraucht worden“ als in Deutschland. Und „neuerdings kam sogar noch ein drittes hinzu, mit dem allein schon aller feinen und kühnen Beweglichkeit des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die Musik, unsre verstopfte verstopfende deutsche Musik.“, das geht gegen Wagner, „ – Wie viel verdrießliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz!“

„In der Geschichte der europäischen Kultur bedeutet die Heraufkunft des „Reichs“ vor allem eins: eine Verlegung des Schwergewichts. Man weiß es überall bereits: in der Hauptsache – und das bleibt die Kultur – kommen die Deutschen nicht mehr in Betracht.“ „Ich sprach vom deutschen Geiste: daß er gröber wird, daß er sich verflacht. Ist das genug? – Im Grunde ist es etwas ganz anderes, das mich erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen abwärts geht.“

„Es liegt auf der Hand, daß die deutsche Kultur niedergeht, es fehlt auch nicht am zureichenden Grund dafür. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben, als er hat – das gilt von einzelnen, das gilt von Völkern. Gibt man sich für Macht, für große Politik, für Wirtschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus, Militär-Interessen aus – gibt man das Quantum Verstand, Ernst, Wille, Selbstüberwindung, das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt es auf der andern Seite“ also es fehlt an Kultur. Dann kommt Nietzsche mit jener bei ihm beliebten Metapher, der Metapher des Tanzes. Kultur heißt, Tanzen gelernt zu haben: „Man kann nämlich das Tanzen in jeder Form nicht von der vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzen-können mit den Füßen, mit den Begriffen, mit den Worten: habe ich noch zu sagen, daß man es auch mit der Feder können muß – daß man schreiben lernen muß? – Aber an dieser Stelle würde ich deutschen Lesern vollkommen zum Rätsel werden…“

Man merkt auf Schritt und Tritt, daß Nietzsche mit dem Zweiten Reich nicht zufrieden ist. Es genügt ihm nicht, was die Deutschen hier geleistet haben, weil die eigentliche Aufgabe weit darüber hinausreicht. Nietzsches Aufgabe für die Deutschen wäre die Erneuerung des Geistes in Europa, und dafür sieht er in seiner Zeit noch nicht die Voraussetzung gegeben. Daher zürnt er den Deutschen wie ein strenger Lehrer und hält ihnen auch die Stärken der anderen Länder vor. Trotzdem sind die Schüler Nietzsches niemand anders als die Deutschen. Darüber kann keine Verurteilung hinwegtäuschen. Man muß diese Stellen richtig lesen, daß nämlich die Deutschen vor ihrer riesenhaften Mission zu versagen scheinen, weil sie sich mit einem relativen politischen Erfolg begnügen, nämlich ihrer Gleichstellung mit den anderen europäischen Nationen. Dabei kommt aber auf Europa eine Herausforderung zu, der es nur durch radikale Umorientierung begegnen kann. Diese Umorientierung ist die Umkehrung aller Werte, und die kann nur von Deutschland ausgehen, wenn Deutschland in einem Sprung die Vergangenheit hinter sich läßt.

Was Nietzsche nicht mitmacht, ist die Verklärung früherer Zeiten zur „guten, alten Zeit“, vor allem der Kaiserzeit, als ob Deutschland damals schon seine bleibende Gestalt gewonnen hätte. Gegen diese Selbstzufriedenheit des „Es ist erreicht“ wendet sich der Philosoph, der mehr von seinem Volk fordert als Ruhe und Ordnung, nämlich Phantasie und Spiritualität. Das vermißt er im Wilhelminischen Deutschland und speziell in der Bildungslandschaft. Im Grunde ist es das Dionysische, was er bei den Deutschen einklagt. Weil er weiß: wenn die Deutschen einmal das Dionysische erleben, dann wird die Welt den Atem anhalten.

 

Zum Nachlesen: Teil 1





2 Kommentare

  • Als Lektüre möchte ich da noch “Der Antichrist” von Nietzsche empfehlen.

    “Der Waldgang” von Ernst Jünger darf auch nicht fehlen, er gibt Zuversicht 😀 !

    Rüdiger 13.04.2019
  • Bravo !!!
    Endlich mal jemand der Nietzsche auch wirklich gelesen hat.
    Viel zu oft wird Nietzsche , falsch zitiert, oder Zitate werden vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Diese Artikel bringt es objektiv auf den Punkt, wer Nietzsche wirklich ist. Einen so guten Artikel über Nietzsche, habe ich lange nicht mehr gelesen.
    Seine Bücher spiegeln seine Gedanken , wieder. Philosophie soll in erster Linie zum Denken anregen und keine entgültige Lehre sein. Nichts bleibt stehen in der Philosophie, gäbe es keine Weiterentwicklung ob positiv oder negativ, wäre das das Ende der Philosophie!
    Wie uns Nietzsche selbst lehrt, ändert der denkende Mensch seine Meinung !!! Schade nur dass es aufgrund seiner Krankheit nie zu einem entgültigem Resultat seiner Gedanken kam…

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie übertragbar seine Schriften auf die heutige Zeit sind, ich würde sogar fast behaupten, dass Nietzsche seine Schriften aktueller denn je sind !
    Nochmals vielen Dank für die beiden Berichte, die endlich mal Klarheit sprechen!

    Nadine Bawü 11.04.2019