Kolumbien: Anarchie in Bogota nach Generalstreik

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Gerade spricht Ivan Duque. Mal wieder. In den letzten 48 Stunden besteht der seit 15 Monaten im Amt des Präsidenten von 45 Millionen Kolumbianern gewählte 43-jährige Konservative eine “Feuerprobe“. Die entscheidende Prüfung angesichts der Gewalt der Strasse und der Bewertung seiner Regierungspolitik durch grosse Teile der kolumbianischen Gesellschaft, die friedlichen Protest gegen seine umstrittenen Reformen ausgerufen haben. Am 21. November fand der landesweite Generalstreik statt. In Bogota weitgehend friedlich, in der drittgrössten Stadt Kolumbiens, in Cali, endete der Donnerstag mit einer Ausgangssperre wegen Plünderungen, Vandalismus und Ausschreitungen verschiedener Art. Die Ausgangssperre entspannte die Lage in Cali und der Freitag verlief weitgehend normal. Dann brach das Chaos in Bogota aus.

Nach einem friedlichen Vortag, mit Massenprotesten der Gewerkschaften, der indigenen Vertreter, welche aus dem ganzen Land angereist waren, Studentenvertretungen und auch Lehrerprotesten, belagerten die Demonstranten den zentralen Platz, Simon Bolivar. Am Abend loeste sich diese bis zu 200 Tausend Menschen zählende Demonstration auf. Einige Hunderte “Encapuchados“ ( Vermummte ), zerstoerten am Tag des Generalstreiks, Einrichtungen der oeffentlichen Verkehrsmittel, über 66 Haltestellen der “ Transmilenio “ Busstrecke, der Hauptverkehrsader der Stadt. Alle öffentlichen Verkehrsmittel standen am Donnerstag still. Doch der Freitag war der Tag, an welchem Gewalt und Vandalismus sich praktisch in der gesamten Stadt ausbreiteten. Dieses führte zu extremen Ausschreitungen, bei denen besonders Migranten aus Venezuela als agressiv und aktiv hervortraten. Es wurden Busse gekapert, um als “Rammbock“ gegen die Türen und Tore diverser öffentlicher Einrichtungen und von Supermärkten eingesetzt zu werden. Mit Erfolg. Es wurde geplündert und geschlagen. Molotow Cocktails, Steine und schwere Gegenstaende wurden gegen die Sicherheitskräfte der Polizeispezialeinheit ESMAD geschleudert. Einzelne Motorradstreifen der regulären Polizei wurden eingekreist und die Sicherheitskräfte mussten sich in Häuser und auf Dächer flüchten. Von der Meute gehetzt. Friedliche Demonstranten geraten zwischen die Fronten und somit in vitale Gefahr. Viele, ja die allermeisten der Protestler, verurteilen das Vorgehen der “Encapuchados“. Abends wurde dann in der Hauptstadt und einigen Vororten Bogotas eine Ausgangssperre angeordnet. Zwischenzeitlich stellte sich heraus, dass aus den sozialen Brennpunkten der Stadt, Gruppen von Plünderern in Wohngebiete eindrangen, um Häuser zu plündern. Das heisst, in die Wohnungen der Anwohner einzudringen. Das Notrufnetz der Polizei brach darauf hin zusammen und die Sicherheitskraefte “glänzten“ im Notfall durch Abwesenheit. Dieser Zustand führte dazu, dass die Anwohner in den Stadtteilen, wo es zu dieser Art von Vorfällen kam, das Recht selbst in die Hand nahmen, um mit Knüppeln, Stöcken und Messern bewaffnet, ihre Familien und ihr Eigentum zu schützen. Es wurde auch geschossen. Seltsamerweise stellte abends dann die Presse ihre Berichterstattung mit der Begründung ein, dass ihre Mitarbeiter nach Hause wollten, zu ihren Familien. Letztendlich kam es am Samstagmorgen, nach einer durch die Ausgangsperre weitgehend ruhigen Nachtlage, bedingt auch durch Militaerpräsenz an strategischen Punkten der Stadt, zum Platzen der “taktischen Bombe“. Die Verantwortlichen in Stadtrat , Polizei und Militär, haben sich, um die Bevoelkerung in die Häuser und Wohnungen zu treiben und dort auch festzusetzen, die Geschichte der drohenden Hausplünderungen als Massnahme zur Deeskalation als Strategie ausgedacht. Das ging so weit, dass Polizei-LKW, vorwiegend venezolanische Flüchtlinge, in die Wohngebiete gefahren haben, um sie dann dort abzusetzen. Dieses wurde von Anwohnern gefilmt und am Samstagmorgen auch von Bürgermeister Enrique Penalosa, seit 2015 Oberbürgermeister und seinem Polizeichef, Comandante Hoover, bestätigt. Mit der lapidaren Behauptung, da es keine oeffentlichen Verkehrsmittel gab, es war ja Ausgangssperre, habe die Polizei diese jungen Männer und Frauen, “samariterverdaechtig”, nach Hause gefahren. Zu dieser neo-kolombianischen “False Flag”-Aktion brauche ich nichts weiter zu sagen. Nach dieser Nachricht kam es in den sozialen Netzwerken, nach der Revolte in Bogota die wichtigste Art zu kommunizieren, zu Aufrufen wie: “Ihr habt uns Angst verkauft, viel Angst…doch nun sind wir ohne Angst “.

Eine traurige Nachricht traf gestern abend aus dem Nordwesten des Landes, aus Santander ein. Dort lenkten Terroristen einen LKW als Bombe in die Nähe einer Polizeistation. Es starben 3 Beamte. Insgesamt haben nach noch unbestätigten Angaben, bis zu 7 Menschen ihr Leben verloren. Mehrere Hunderte Zivilisten und Angehoehrige der Sicherheitskraefte sind verletzt worden.

Bernhard Scheida – Bogota, 23.11.2019