
„Am 7. Oktober 1944 hatte es wieder einmal Fliegeralarm gegeben. Dies war in den letzten Kriegsmonaten öfter, aber ohne weitere Folgen für die Stadt. Wir standen im Garten, dort war zusammen mit unseren Nachbarn ein Schutzkeller ausgebaut worden und wir beobachteten den Himmel. Plötzlich sahen wir Rauchzeichen. Mein Vater rief: „Leg dich flach auf die Erde! Gleich knallt es!“ und so lagen wir beide platt auf dem Boden“ … erinnerte sich der Zeitzeuge, Horst Gottschalk.
Nachdem es in Freiberg seit 1943 bereits 95 Mal Fliegeralarm gegeben hatte, erlebte die Stadt heute vor 76 Jahren die befürchteten Bombenabwürfe und damit den schicksalsschwersten Tag ihrer Geschichte. Die geplante Flächenbombardierung deutscher Städte kam nun richtig ins Rollen, bis sie sich, wie wir alle schmerzlich wissen, im Februar des Jahres ’45 in Dresden zu seinem Höhepunkt entwickelte.
Kriegsverbrechen an einem „günstigen Ausweichziel“
Eigentlich galt der tödliche Angriff der nordböhmischen Industriestadt Brüx/Most. Wegen schlechten Sichtverhältnissen wurde Freiberg als „günstiges Ausweichziel“ gefunden. Die Bombergruppe aus drei Staffeln der 8. US-Luftflotte warf 60,5 Tonnen Bombenlast aus 36 viermotorigen B17-Flugzeugen über Freiberg ab.
So brachten sie amerikanische „Freiheit“ und „demokratische“ Wertvorstellungen in die sächsische Bergstadt.
Um 12.40 Uhr wurden 220 Bomben, aus einer Flughöhe von 5.000 bis 6.000 Metern, bei bester Sicht geworfen. Um 13.29 Uhr wurde Entwarnung gegeben. Erst jetzt erkannte man das Ausmaß dieses gegen die Zivilbevölkerung gerichteten, sinnlosen Angriffs. 345 Wohngebäude wurden beschädigt. 153 Haushalte waren völlig zerstört, 1.433 Haushalte schwer beschädigt. Neben zahlreichen Wohnungen wurde auch das 1854 errichtete Schlachthaus der „Roten Grube“ zerstört, das bis dahin bekannteste Baudenkmal innerstädtischen Bergbaus. Weiterhin die Berufsschule Bergstiftgasse, die Firma Schneider & Berger, die Zinngussfabrik C.W. Pilz, die Firma Paschke & Co., die Schlosserei Mosch, die Bahnhofsstraße, Chemnitzer Straße, Schillerstraße, Dammstraße, Humboldtstraße und noch viele weitere Gebäude und Straßen.
1.500 Menschen wurden mit einem Schlag obdachlos. Der Abschlussbericht vom 01.11.1944 zählte 172 Freiberger, die mit ihrem Leben bezahlten, des Weiteren 106 Verletzte.
Wir rufen also diese 172 Freiberger in unsere Mitte. Wir geben jenen eine Stimme, die in der heutigen Zeit keine Stimme mehr bekommen. Es muss unsere Aufgabe sein, das Schicksal unserer Ahnen niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn solange diese Männer, Frauen, Kinder und Greise in unserem Gedächtnis weiterleben, sind sie nicht tot, sie sind nur fern, so wie auch ihre Taten nicht vergessen sind.















