Heerlager, Unterwerfung, Guerilla – eine französische Trilogie über den Untergang des Abendlandes (Teil 2/2)

Das Gespenst der Islamisierung oder die Schwäche des Eigenen ist die Stärke des Anderen

 

Aus einem gänzlich anderen Blickwinkel näherte sich Michel Houellebecq in seinem 2015 erschienen Roman „Unterwerfung“ der Thematik.
Ein charismatischer, muslimischer Politiker schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei (PS) und die Konservativen gehen ein Bündnis mit den sich äußerlich moderat gebenden Islamisten ein, um den Aufstieg des Front National (FN) zu verhindern. Nach Beginn des Wahlkampfes brechen bürgerkriegsähnliche Unruhen aus. In den Medien wird über die Unruhen nicht berichtet.

Wie im Heerlager sind es die dekadenten und korrupten weißen Eliten, die das Herrschaftszepter freiwillig und mit heimlicher Lust an die neuen Herren übergeben. Sinnbildlich für die im Grunde selbstgewählte Unterwerfung unter das bislang völlig Fremde steht das Leben der Hauptfigur, die von dem Literaturwissenschaftler Francois verkörpert wird. Mitte vierzig, Trinker und frühzeitig gealtert, ohne tiefe Überzeugung, kinder- und bindungslos, eine jener typischen akademisch-parasitären Existenzen.

Nach Beginn der Unruhen wird die Universität bis auf weiteres geschlossen. François verlässt Paris und fährt ohne genaues Ziel Richtung Südwesten, auf der Suche nach etwas, das seinem Leben Halt geben könnte. Als er schließlich nach Paris zurückkehrt, hat die islamistische Umgestaltung des Landes bereits begonnen. Die Kriminalität geht zurück und ebenso die Arbeitslosigkeit, da Frauen wieder vor allem in Ehe und Familie tätig sind. Francois wird zunächst in den Ruhestand versetzt, da der Universität aber renommierte Wissenschaftler fehlen, erhält er das Angebot, wieder in seinem Beruf zu arbeiten – unter der Bedingung, zum Islam zu konvertieren. Zwei Professoren der Sorbonne, die früher der Identitären Bewegung nahestanden, haben sich bereits dem Islam zugewandt, in dem sie ihre Ziele einer elitären, autoritär-patriarchalischen sowie traditions- und religionsbezogenen Gesellschaft verwirklicht sehen. Die rechten Bewegungen und der Islam stünden sich hinsichtlich ihrer Grundwerte tatsächlich sehr nahe.

Die Islamisierung Europas war eine Entwicklung, die im „Heerlager“ nur angedeutet wird, weil seinerzeit noch nicht virulent.

Im Jahr 1973 war ich zugegebenermaßen nicht imstande, die heutige Macht des Islams vorauszusehen. Die religiöse Dimension ist zwar eine Konstante der Invasion; ihre hauptsächliche Kraft zieht sie allerdings aus ihrer Zahl. Der Islam ist im Endeffekt nur einer unter vielen Bestandteilen der Flut, wenn auch der am besten organisierte und der am stärksten entschlossene. (Zitate aus dem Sammelband „Der letzte Franzose).

Anders als im „Heerlager der Heiligen“ fehlen in „Unterwerfung“ die grimmige Ironie und die versteckte Verzweiflung über den Untergang des Abendlandes. Houellebecqs Grundton ist heiter-satirisch, die Beschreibung der dekadenten Hauptfigur eher von Sympathie als von Abscheu gekennzeichnet. Das mag vor allem an der unterschiedlichen Persönlichkeit der beiden Autoren liegen.

Raspail, Sproß einer alten großbürgerlichen Familie, leitete zwischen 1950 und 1970 zahlreiche Reisen und Expeditionen und wurde zunächst durch seine Reportagen und Reiseerzählungen bekannt, u.a. zu den letzten Indianern Feuerlands („Sie waren die Ersten“) und mit dem Kanu quer durch die ehemaligen französischen Besitzungen in Nordamerika. Er selbst verkörperte, auch äußerlich, in hohem Maße die “Haltung” und aristokratische Tugend, die in seinen Büchern eine so große Rolle spielt.

Völlig anders hingegen Michel Houllebercq, der bereits äußerlich dem Typus des dekadenten Intellektuellen ähnelt. Aus zerrütteten Verhältnissen stammend, mehrfach verheiratet und von psychischen Problemen begleitet, erscheint er als typisches Produkt des linksliberal geprägten Literaturbetriebs. Kritiker werfen ihm vor, der durch seine Bücher inszenierte Skandal sei vor allem Teil seiner Strategie, um sich auf dem literarischen Markt zu behaupten. In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen zeichnet Houellebecq das Bild der narzisstischen westlichen Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrer Egozentrik, ihrem Unerfülltsein und ihren emotionalen Schwierigkeiten. Eine von Houellebecqs Spezialitäten besteht darin, regelmäßig umfangreiche und detaillierte Sexszenen in die Handlung einzufügen.

Am 7. Januar 2015, dem Tag, an dem in Frankreich „Unterwerfung“ erschien, fand der erste islamistische Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ statt, bei dem zwölf Menschen getötet wurden, was dem Autor das Siegel prophetischer Gabe einbrachte.
Auch deshalb war Michel Houellebecq erster Preisträger des Oswald-Spengler-Preises. (Siehe: Von Untergang und Unterwerfung – Oswald-Spengler-Preis erstmals verliehen)

 

Denen gewidmet, die nichts verstanden haben oder von der Einsamkeit in düsteren Zeiten

Bei dem dritten und jüngsten Autor des dystopischen Dreigestirns handelt es sich um den 1984 geborenen und nur unter seinem Pseudonym bekannten Laurent Obertone, der 2016 mit seinem Roman „Guerilla“ für Furore sorgte.

„Guerilla“ greift das Zerstörungspotenzial der überfremdeten französischen Vorstädte auf. Alles beginnt mit einem Routineeinsatz der Polizei, der eskaliert und sich binnen dreier minutiös beschriebener Tage zu einem Flächenbrand ausweitet, der das innerlich morsche Frankreich vollständig kollabieren lässt.

Obertones Aufbau ist höchst ungewöhnlich. Es gibt eine Vielzahl an Handlungssträngen, die mitunter ebenso abrupt enden, wie sie begonnen haben. Das Gleiche gilt für die handelnden Personen, die oft nur Kurzauftritte auf wenigen Seiten haben. Eine oder mehrere Hauptfiguren fehlen im Grunde vollständig, und keiner der zahlreichen Charaktere taugt wirklich als Identifikationsfigur.

Dafür werden die unterschiedlichen Akteure unserer Zeit mit tiefschwarzem Humor und grotesk überzeichnet beschrieben: „woke“ Journalisten und Blogger, opportunistische und hilflose Politiker, eine durch politische Korrektheit kastrierte Polizei, die Identitären als Chronisten des Untergangs ohne wirkliche Gestaltungsmöglichkeit und viele mehr. Michel Houellebecq hat Laurent Obertone als „großen Polemiker von morgen“ gelobt, zu Recht!

Hoffnung wird inmitten des sich ausbreitenden Chaos zur Mangelware, dafür wird reichlich gestorben. Gemessen an den literarischen Fähigkeiten reicht Obertone an seine Kollegen nicht heran, dafür kommt gewiß der der Wirklichkeit am nächsten. Viele Beschreibungen sind dem aufmerksamen Leser als reale „Einzelfälle“ längst geläufig und was noch nicht war, ist ohne große Phantasie vorstellbar. Hieran liegt das wahrhaft Beklemmende von „Guerilla“ – genauso kann es jederzeit kommen, heute, morgen oder in zehn Jahren.

Die Zeit des Vorbürgerkriegs ist auch eine Zeit der geistigen Rüstung. Lesen sollte man alle drei – Raspail sorgt für ein grimmiges Gelächter während der Nachrichten, Houellebecq taugt für die Lektüre im Ledersessel und spätestens nach Obertone beginnt die Rüstung für das wahrscheinlich Unausweichliche. Keiner kann nach der Lektüre sagen, er hätte es nicht besser wissen können.

 

Zum Nachlesen: Teil 1





1 Kommentar

  • Um mal eine Bemerkung zur «Identitären Bewegung» zu machen: Wenn man dem Sellner zuhört, merkt man schnell, daß der seine Sprüche direkt aus Amerika bezieht. Deswegen benutzt er auch Wortungetüme wie «Akkzelerationsmis» anstelle des deutschen «Beschleunigung» und daher kommt auch diese unproduktive Konzentration auf hochtheoretischen Fitzelkram mit wenig praktischer Relevanz, den die meisten Leute gar nicht verstehen dürften. Ob der das jetzt in gutem Glauben unreflektiert wiederholt, oder weil er bewußt den Lakaien des Systems macht, der den anderen bloß etwas anderes vormacht, spielt hier keine Rolle: Dieses «Pseudoweltbild» kommt nicht von «unseren Freunden» (haha) und sein wahrscheinlich gewollter Effekt ist es, intelligente Leute dadurch zu neutralisieren, daß man sie mit praktisch harmlosen Blödsinn beschäftigt.

    RW 18.11.2020

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