Armut auf Rekordniveau: Ein politischer Offenbarungseid für Deutschland und Baden-Württemberg

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Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Baden-Württemberg gehört zu den wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Doch der Reichtum ist stark ungleich verteilt. Millionen Deutsche leben in Armut. Das ist kein Naturgesetz, kein unvermeidbares Schicksal und auch keine statistische Randerscheinung. Es ist das Ergebnis politischen Versagens.

Die neuesten Zahlen sind erschütternd: 13,3 Millionen Menschen galten 2025 in Deutschland als arm. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung. Seit dem Tiefstand 2023 ist die Zahl der von Armut Betroffenen innerhalb kürzester Zeit um mehr als 1,2 Millionen Menschen gestiegen.

1,2 Millionen zusätzliche Menschen in Armut – innerhalb von gerade einmal zwei Jahren. Hinter dieser Zahl stehen keine abstrakten statistischen Einheiten. Es stehen Rentner, Beschäftigte, Alleinerziehende, junge Erwachsene und Familien dahinter, die jeden Monat rechnen müssen, ob das Geld noch für Miete, Lebensmittel, Strom und die notwendigen Ausgaben des täglichen Lebens reicht.

 

13,3 Millionen Arme sind kein Betriebsunfall

Die Bundesregierung kann sich angesichts solcher Zahlen nicht damit herausreden, Armut sei ein komplexes gesellschaftliches Problem, für das niemand unmittelbar verantwortlich sei. Politik setzt die Rahmenbedingungen für Löhne, Steuern, Sozialleistungen, Renten, Familienförderung und Wohnungsbau. Wenn in einem wirtschaftlich hochentwickelten Staat mehr als jeder sechste Mensch unter die Armutsgrenze fällt, dann hat die Politik offensichtlich versagt, einen wachsenden Teil der Bevölkerung angemessen am Wohlstand des Landes teilhaben zu lassen.

Besonders entlarvend ist die Entwicklung seit 2023: Damals war ein Tiefstand erreicht. Seither ging es nicht vorwärts, sondern mit erschreckender Geschwindigkeit rückwärts: plus 1,2 Millionen Armutsbetroffene.

Eine Bundesregierung, unter deren politischen Rahmenbedingungen eine solche Entwicklung stattfindet, muss sich daran messen lassen. Die nüchternen Zahlen wiegen dabei schwerer als jede sozialpolitische Sonntagsrede.

 

Auch das reiche Baden-Württemberg hat ein massives Armutsproblem

Nicht weniger bequem darf es sich die baden-württembergische Landesregierung machen. Der Hinweis, dass andere Bundesländer noch schlechter dastehen, hilft keinem einzigen Menschen, der seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.

13,2 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg leben in Armut; damit ist mehr als jeder achte Einwohner eines der reichsten Bundesländer Deutschlands betroffen. Noch alarmierender ist die Entwicklung: 2021 lag die Armutsquote erst bei 11,4 Prozent. 2024 waren es bereits 13,2 Prozent – und 2025 verharrte sie auf diesem hohen Niveau.

Das bedeutet einen Anstieg um 1,8 Prozentpunkte innerhalb weniger Jahre.

Für eine Landesregierung ist das kein Wert, den man sich schönreden sollte. Gerade Baden-Württemberg verfügt mit seiner starken Industrie, seinen erfolgreichen Unternehmen, seinen Hochschulen und seiner enormen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit über Voraussetzungen, von denen andere Regionen nur träumen können. Wenn selbst unter diesen Bedingungen die Armutsquote deutlich steigt, ist das ein politisches Warnsignal ersten Ranges.

Die Frage darf deshalb nicht lauten, ob Baden-Württemberg im Bundesländervergleich irgendwo weiter oben oder unten in einer Rangliste steht. Die entscheidende Frage lautet: Warum ist es der Landespolitik nicht gelungen, den deutlichen Anstieg der Armut zu verhindern?

 

Karlsruhe: Fast jeder Siebte ist arm

Wie wenig Grund für Selbstzufriedenheit besteht, zeigt der Blick auf die Regionen. In der Region Karlsruhe beträgt die Armutsquote inzwischen 14,9 Prozent. Stuttgart kommt auf 12,6 Prozent, Tübingen auf 12,4 Prozent und Freiburg auf 13,1 Prozent.

Fast 15 Prozent Armut in der Region Karlsruhe: Auch das gehört zur Realität Baden-Württembergs.

Diese Zahlen passen schlecht zum Selbstbild eines wohlhabenden Musterländles. Wirtschaftlicher Erfolg allein schützt offensichtlich längst nicht mehr zuverlässig davor, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung finanziell abgehängt wird.

 

Besonders hart trifft es diejenigen, die ohnehin wenig Spielraum haben

Und die Armut verteilt sich keineswegs gleichmäßig. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und allein lebende Menschen. Auch junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren sowie Menschen ab 65 Jahren weisen überdurchschnittlich hohe Armutsquoten auf.

Damit trifft Armut gerade Menschen, deren Möglichkeiten, steigende Kosten durch ein zweites Haushaltseinkommen oder zusätzliche Erwerbsarbeit auszugleichen, häufig begrenzt sind.

Bei älteren Menschen bekommt diese Entwicklung eine zusätzliche politische Brisanz. Wer jahrzehntelang gearbeitet hat und im Alter trotzdem in die Nähe oder unter die Armutsgrenze rutscht, erlebt unmittelbar, wie wenig das Versprechen sozialer Sicherheit im Alltag noch wert sein kann.

 

Arm trotz Sozialstaat

Auch die Armutsgrenze selbst zeigt, wie absurd jede Vorstellung ist, hier werde über ein komfortables Leben auf Staatskosten gesprochen. Als arm gilt nach der verwendeten EU-Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verfügt. 2025 lag diese Schwelle für einen allein lebenden Menschen bei gerade einmal 1.445 Euro monatlich. Für ein Paar mit zwei kleinen Kindern waren es 3.035 Euro. Dabei werden sogar Wohngeld, Kindergeld und weitere Sozialleistungen bereits zum Einkommen gerechnet.

Wer unter diesen Grenzen lebt, lebt nicht in Luxus. Gerade bei hohen Wohnkosten kann bereits die Miete einen erheblichen Teil dieses Geldes verschlingen. Danach müssen Lebensmittel, Energie, Mobilität, Kleidung, Versicherungen und sämtliche übrigen Lebenshaltungskosten bezahlt werden.

Umso bemerkenswerter ist, dass 13,3 Millionen Menschen selbst diese Schwelle nicht erreichen.

 

Armut wird verwaltet, statt verhindert

Der Paritätische Gesamtverband bringt die politische Misere auf einen bemerkenswert klaren Nenner. Gefordert wird eine Politik, „die Armut bekämpft, statt verwaltet“.

Genau darin liegt der Kern des Problems.

Bundes- und Landesregierung können Programme auflegen, Fördermaßnahmen ankündigen und in Pressemitteilungen ihre sozialpolitischen Bemühungen aufzählen. Am Ende zählt jedoch das Ergebnis. Und das Ergebnis lautet: 16,1 Prozent Armutsquote bundesweit, 13,3 Millionen Betroffene, 1,2 Millionen zusätzliche Arme seit 2023 und eine deutlich gestiegene Armutsquote in Baden-Württemberg.

Eine Sozialpolitik muss sich nicht an der Zahl ihrer Programme messen lassen, sondern daran, ob weniger Menschen arm werden.

Nach diesem Maßstab ist die Bilanz verheerend.

 

Ein reiches Land produziert immer mehr Arme

Deutschland hat kein Erkenntnisproblem. Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Es hat ein politisches Handlungsproblem.

Dass in einem sogenannten reichen Land 13,3 Millionen Menschen in Armut leben, ist ein gesellschaftlicher Skandal. Dass ihre Zahl innerhalb kurzer Zeit um mehr als 1,2 Millionen steigt, macht daraus ein politisches Armutszeugnis.

Und Baden-Württemberg kann sich seiner Verantwortung nicht durch den Vergleich mit anderen Ländern entziehen. Eine Armutsquote von 13,2 Prozent bleibt eine Armutsquote von 13,2 Prozent – völlig unabhängig davon, ob sie anderswo noch höher liegt. Entscheidend ist vielmehr, dass sie seit 2021 von 11,4 auf 13,2 Prozent gestiegen ist. Genau an dieser Entwicklung muss sich die Landesregierung messen lassen.

Bundesregierung und Landesregierung tragen Verantwortung für die politischen und sozialen Rahmenbedingungen, unter denen diese Zahlen entstanden sind. Sie können Armut nicht vollständig per Regierungsbeschluss abschaffen. Aber sie müssen sich die Frage gefallen lassen, warum es ihnen nicht einmal gelungen ist, ihre massive Ausweitung zu verhindern.

13,3 Millionen arme Menschen sind keine Erfolgsgeschichte des Sozialstaates. Sie sind seine Bankrotterklärung auf Raten.

Wer angesichts solcher Zahlen weiterhin vor allem verwaltet, relativiert und auf vermeintlich günstigere Vergleichswerte verweist, hat die Dimension des Problems nicht verstanden – oder will sie nicht verstehen.

In einem Land mit dem Wohlstand Deutschlands und einem Bundesland mit der Wirtschaftskraft Baden-Württembergs dürfte Armut nicht immer weiter um sich greifen. Dass sie es trotzdem tut, ist kein Grund für beschwichtigende Pressemitteilungen.

Es ist eine Anklage gegen eine Politik, die es zulässt, dass der Wohlstand wächst, während Millionen Menschen den Anschluss verlieren.

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