Tafel-Besuch und Entenpastete: Die Doppelmoral der vermeintlichen Volksvertreter

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Wenn Spitzenpolitiker in Wahlkampfzeiten Suppenküchen besuchen, Tafelläden besichtigen und betroffen in die Kameras blicken, soll das Volksnähe demonstrieren. Es soll zeigen: Seht her, ich kenne eure Sorgen, ich weiß, wie hart der Alltag für viele Menschen ist. Doch kaum ist die Tür des Tafelladens hinter ihnen zugefallen, offenbart sich mitunter eine ganz andere Wirklichkeit.

So auch im Fall des baden-württembergischen SPD-Spitzenkandidaten Andreas Stoch. In einem Fernsehporträt des SWR wird er zunächst beim Besuch einer Tafel begleitet – einem Ort, an dem Bedürftige auf günstige oder kostenlose Lebensmittel zurückgreifen können. Die Bilder sollen Mitgefühl und Engagement vermitteln. Doch kurz darauf folgt eine Szene, die dieses sorgfältig inszenierte Bild ins Wanken bringt: Der Politiker beauftragt seinen Fahrer, im benachbarten Frankreich Feinkost zu besorgen – darunter ausgerechnet eine edle Entenpastete. Frisches Baguette, ausgesuchte Wurstwaren, besondere Qualität zum guten Preis. Das klingt weniger nach Existenzsorgen als nach kulinarischer Lebensart.

Hier wird ein Grundproblem politischer Selbstdarstellung sichtbar: Während öffentlich das Schicksal derjenigen betont wird, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen, plant man im nächsten Atemzug den Einkauf von Delikatessen. Wasser predigen, Wein trinken; treffender lässt sich diese Diskrepanz kaum beschreiben. Die Botschaft, die hängen bleibt, ist fatal: Für die Kameras zeigt man sich solidarisch mit den Schwächsten, im eigenen Alltag jedoch pflegt man Gewohnheiten, die mit der Lebensrealität vieler Menschen wenig gemein haben.

Natürlich steht es jedem frei, Entenpastete zu mögen. Es geht nicht um die Frage, ob ein Politiker Feinkost genießen darf. Es geht vielmehr um Glaubwürdigkeit. Wer sich als Anwalt der „kleinen Leute“ inszeniert, sollte zumindest vermeiden, im selben Moment demonstrativ das Gegenteil zu verkörpern. Gerade wenige Tage vor einer Landtagswahl wirkt eine solche Szene wie ein Symbol für die Abgehobenheit politischer Eliten.

Hinzu kommt das Ritual der nachträglichen Erklärung: Man habe es nicht so gemeint, die Szene wirke nur „im Kontext irritierend“, am Ende sei der Einkauf gar nicht zustande gekommen. Doch solche Rechtfertigungen ändern wenig am Eindruck. Entscheidend ist nicht, ob die Pastete tatsächlich gekauft wurde, sondern dass der Gedanke daran in unmittelbarer Nähe zu einem Besuch bei Bedürftigen völlig selbstverständlich ausgesprochen wurde.

Viele Bürger empfinden genau darin die Volksferne der Politik. Politiker sprechen von steigenden Preisen, von sozialer Verantwortung und Solidarität, doch ihr eigener Lebensstil bleibt davon scheinbar unberührt. Sie treten auf Marktplätzen auf, schütteln Hände, posieren in einfachen Umgebungen – und fahren anschließend mit Chauffeur weiter. Das erzeugt das Gefühl, dass Nähe nur simuliert wird, dass Sorgen zwar rhetorisch geteilt, aber nicht wirklich nachvollzogen werden.

Solche Bilder brennen sich ein, weil sie symbolisch sind. Sie stehen für eine politische Klasse, die behauptet, Teil des Volkes zu sein, tatsächlich jedoch in einer eigenen Welt lebt; mit anderen finanziellen Spielräumen, anderen Selbstverständlichkeiten, anderen Maßstäben. Wer Vertrauen gewinnen will, muss mehr leisten als wohlformulierte Betroffenheit. Er muss glaubwürdig zeigen, dass zwischen öffentlicher Pose und privatem Handeln kein unüberbrückbarer Abstand klafft.