
Gedenken im Bendlerblock eskaliert
Die Bundesregierung hat zum 82. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler eine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Zu der Gedenkveranstaltung wurden alle im Bundestag vertretenen Parteien und somit auch die AfD eingeladen. Wie ein Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion bestätigte, hatte sich auch die Partei mit einem Kranz an dem Gedenken beteiligt. Im Zuge der Kranzniederlegung kam es zum Eklat: Tobias Korenke, ein Großneffe von Dietrich Bonhoeffer versuchte, den Kranz zu entfernen. Ordner schritten ein und es kam zu einem Handgemenge. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde der Kranz beschädigt. Gegenüber der Deutschen Presseagentur DPA erklärte Korenke: „Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren.“ Unterstützung erfuhr Korenke von der Stiftung 20. Juli 1944. Die erklärte, dass vieles, wofür die AfD stehe, „im Widerspruch zu den Überzeugungen“ Stauffenbergs stehe. Auch Karl Schenk Graf Stauffenberg, ein Enkel des Bombenlegers, empörte sich über das AfD-Gedenken. Es sei „ganz grauenhaft und ganz widerlich“, wie die AfD mit dem Andenken seines Großvaters umgehe.
Vielen Deutschen dürfte Claus Schenk Graf von Stauffenberg heute lediglich als eine Rolle von Tom Cruise im Film „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ bekannt sein. Was ist der historische Hintergrund der Tat? Der junge Adelige Stauffenberg verkehrte in dem homoerotischen Kreis um Stefan George. Dort erwarb er sich antidemokratische und aristokratische Vorstellungen, die er später um eigene Gedanken erweiterte. Während das deutsche Heer in drei Fronten im heldenhaften Abwehrkampf gegen den Bolschewismus und seine alliierten westlichen Unterstützer stand, sah Stauffenberg seine Chance für einen Putsch gekommen. Er hatte Hitler-Gegner, die überwiegend im NS-Behördenapparat fernab vom Kriegsgeschehen Posten besetzt hielten, um sich geschart. Im Rahmen einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen wollte Stauffenberg Hitler töten. Zeitgleich sollten seine Mitverschworenen in der Reichshauptstadt Berlin die Macht an sich reißen. Anschließend sollte eine neue Regierung eingesetzt und ein Frieden mit den Alliierten ausgehandelt werden. Im Zuge des Attentats starben General Rudolf Schmundt, Chefadjutant der Wehrmacht, Generalleutnant Günther Korten, Chef des Generalstabs der Luftwaffe sowie der Stenograf Heinrich Berger. Weiter verstarb Oberst Heinz Brandt, der die Aktentasche mit der Bombe kurz vor der Explosion hinter einen schweren Tischfuß verschoben hatte. Mit seiner intuitiven Handlung hatte Brandt jedoch Adolf Hitler das Leben gerettet.
Stauffenberg entschied sich dagegen, sein Leben bei der Ermordung Hitlers zu geben. So verließ er den Besprechungsraum, ohne das Ergebnis des Attentats abzuwarten. Obwohl ihm keine zuverlässige Information vorlag, ob Hitler dem Bombenattentat erlegen war, teilte Stauffenberg seinen Mitverschwörern mit, dass Hitler tot sei. Weil die Ermordung Hitlers aber eine zentrale Rolle in dem Plan spielte, riss Stauffenberg seine Komplizen somit mit in das Verderben. Denn diese versuchten nun vergeblich, im Bendler-Block in Berlin die Macht an sich zu reißen. Dank dem entschiedenen und beherzten Einsatz des Kommandeurs des Wachbataillons „Großdeutschland“, Otto Ernst Remer, wurden die Putschisten schnell verhaftet und später wegen Hoch- und Landesverrats verurteilt und hingerichtet. Der Putsch rief seiner Zeit große Empörung hervor, wurde er doch als Verrat an den kämpfenden Frontsoldaten wahrgenommen. Die „Friedenspläne“ Stauffenbergs waren von Beginn an illusorisch. Spätestens seit der Casablanca-Erklärung vom Januar 1943 musste jedem Deutschen klar sein, dass es den Alliierten nicht um eine Absetzung Hitlers oder der Nationalsozialisten, sondern um eine vollständige Unterwerfung Deutschlands ging. Zudem hätte der Putsch Stauffenbergs möglicherweise einen Bürgerkrieg in Deutschland hervorgerufen, denn insbesondere die Schutzstaffel (SS) hätte eine Herrschaft der Putschisten wohl niemals akzeptiert. Besonders fatale Folgen hätte der augenblickliche Zusammenbruch der Ostfront für Millionen ostdeutsche Zivilisten gehabt, was der spätere Verlauf des Kriegsgeschehens eindrucksvoll belegte.
Aus welchem Grund gedenken nun ausgerechnet AfD-Funktionäre Stauffenberg? Feinde und teils auch Freunde der Rechtspopulisten zeichnen ein falsches Bild der Partei. Die geistigen Vordenker führender AfD-Kader sind keine sogenannten „Nazis“, sondern realpolitisch wenig erfolgreiche Ideologen der NS-feindlichen „Konservativen Revolution“, deren historische Vertreter zu großen Teilen bereits schon von Anfang an gegen die reale deutsche Revolution intrigierten. Der historische Bezug zu Stauffenberg wird von der Parteiführung daher mit großer Verve verteidigt. Das musste beispielsweise der ehemalige Landeschef der Jungen Alternative (JA) Niedersachsen, Lars Steinke, erfahren, als er Stauffenberg in einem Facebook-Post als „Verräter“ und „Feigling“ bezeichnete. Seine Partei entfernte ihn kurzerhand aus ihren Reihen. Weite Teile der AfD und ihres Vorfelds sind explizite Stauffenberg-Anhänger, weil sie dessen reaktionäre Ansichten von einem restaurierten alten Klassenstaat unter einer wiedereingesetzten Erbmonarchie teilen. Ein prominentes Beispiel dafür ist Matthias Helferich. Er ist nicht nur Liebling des AfD-Schwulenkreises „Alternative Homosexuelle“, sondern auch ein großer Stauffenberg-Anhänger. Er teilte einen AfD-Post, in dem Stauffenberg gewürdigt wurde. Weiterhin sind auch prominente Verleger des sogenannten „Vorfelds“ zu nennen, so etwa Götz Kubitschek vom Antaios-Verlag aus Schnellroda oder der Herausgeber der Jungen Freiheit, Dieter Stein, die alljährlich zum 20. Juli einen großen Popanz um ihr Idol Stauffenberg pflegen. Wenn sich die Anhänger dieser historischen Figur heute nun öffentlich darüber streiten, wer die besseren Träger seines Vermächtnisses sind, so sagt das alles über den Wert all jener politischen Milieus aus, die den 20. Juli zu ihrem Gedenktag erhoben haben.














Noch keine Kommentare.