Tradition und Brauchtum in Baden-Württemberg (2): Der Storchentag in Haslach

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In Tradition und Brauchtum werden die Erfahrungen von Jahrtausenden weitergetragen. Ein Volk, das vor diesen überkommenen Traditionen und Bräuchen keine Ehrfurcht mehr hat, hat keine Zukunft. Eine jede Zeit, mag sie sich auch noch so groß empfinden, mag sie sich auch noch so selbstständig dünken, steht doch auf den Schultern der Vergangenheit. Im Bewusstsein, dass das deutsche Brauchtum das Fundament ist, dessen unser Volk nicht entbehren kann, um seine Zukunft zu gestalten, führt unsere Bewegung auch einen kulturellen Kampf, der untrennbar mit der Pflege alten Brauchtums verbunden ist.

Baden-Württemberg verfügt über eine lebendige Fest- und Brauchtumskultur; eine ungeheure Vielfalt an unterschiedlichsten Traditionen, die ihren Ursprung zum Teil in grauer Vorzeit haben. Andere Feste und Bräuche sind dagegen nur ein paar hundert Jahre alt oder existieren nicht länger als zwei Generationen. Doch egal, wie alt bestimmte Tradtionen und Bräuche sind, aus dem Leben der Baden-Württemberger sind diese nicht mehr wegzudenken. Die Deutschen im Ländle sind stolz auf ihre Traditionen und pflegen das Brauchtum ihrer Heimat mit Begeisterung. Die Art der Feste und Bräuche ist so unterschiedlich wie Baden-Württemberg selbst, von würdevollen Prozessionen bis zu ausschweifenden Fastnachtsbräuchen.

In dem kleinen, nordöstlich von Freiburg im Breisgau gelegenen Städtchen Haslach gibt es einen ganz besonderen Star, der sich großer Beliebtheit erfreut. Es ist der Storch, dem die Kleinstadt viel zu verdanken hat. Der mündlichen Überlieferung zufolge stand den Einwohnern von Haslach Mitte des 17. Jahrhunderts eine schwere Hungersnot bevor, da eine schreckliche Ungezieferplage die Ernte zu vernichten drohte. Infolge eines Pestausbruchs war die Bevölkerung bereits zuvor erheblich dezimiert worden. Unzählige Haslacher waren der Seuche zum Opfer gefallen, nun braute sich neues Unheil aufgrund der zu erwartenden Hungersnot zusammen. In ihrer Verzweiflung flehten die Haslacher um himmlischen Beistand. Die Bürger der Stadt gelobten, alljährlich am „St. Peters Fest“ Kinder und alte Leute zu beschenken, sofern die Stadtbewohner errettet würden. Das Flehen der Haslacher wurde erhört, Hilfe nahte. Scharenweise fielen Störche über das Ungeziefer her und verspeisten die Schädlinge, wodurch die Hungersnot abgewendet wurde.

Die Haslacher hielten sich an ihr Gelübte und feiern seitdem in jedem Jahr am 22. Februar den „Storchentag“ zum Dank für ihre Rettung. „Heraus! Heraus!“ tönt es alljährlich in den Straßen des Städtchens an der Ortenau. Die Kinder der Stadtbewohner ziehen gemeinsam mit dem sogenannten „Storchenvater“, der einen schwarzen Zylinder mit zwei Pappstörchen trägt, von Haus zu Haus und erbitten Gaben von den Einwohnern. Süssigkeiten, Obst und Laugenbrezeln werden den Kindern geschenkt, wobei dem Storchenvater eine besondere Aufgabe zuteil wird. Mittels eines meterlangen Stocks klopft der Storchenvater an die Fenster der Häuser, deren Bewohner mit Gaben gefüllte Körbe herunterlassen. Butterbrezeln werden von den Fenstern aus auf den Stock des Storchenvaters gefädelt.

Der Zug durch die Stadt beginnt jeweils nach dem Zwölfuhrläuten und dem Gebet in der Mühlenkapelle, die 1622 erbaut wurde. Kinder, die sich erst im Laufe des Nachmittags dem Zug anschließen, müssen keine Bange haben: Es sind reichlich Gaben vorhanden, sodass auch Nachzügler nicht leer ausgehen. Die Haslacher geben gern und freuen sich auf möglichst viele Kinder.

Im Haslacher Stadtarchiv ist ein Nachweis in Form einer städtischen Rechnung vorhanden, die belegt, dass ein gewisser Johann Jakob Arguin im Jahr 1643 zwölf Kreuzer als Lohn für seine Dienste als Storchenvater erhielt. Man vermutet, dass Arguin der erste Haslacher Storchenvater gewesen ist. Die Tradition läßt sich somit bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen, was gut in die zeitliche Abfolge passt, in welcher sich die Ereignisse gemäß der Überlieferung abgespielt haben.

Der ersten Teil unserer Artikelserie über Tradition und Brauchtum in Baden-Württemberg findet ihr hier:

Das Stockacher Narrengericht

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