Vom Mangelwesen zum Übermenschen – Teil 4/4

Lebensgesetzlichkeit in der Moderne

Die Antwort auf die Frage, ob der Mensch nun über der Natur steht oder nicht, fiel gemischt aus und wollte man sie in wenige Worte zusammenfassen, müsste man sagen, dass der Mensch sich weniger von der Natur löst, als dass er mehr und mehr in der Lage ist, ihr seinem Willen aufzuzwingen. Der Vektor der Menschheit führt also nicht zur Existenz eines abrahamischen Gottes, der frei über die Welt gebieten kann, sondern eher zu der germanischer Götter, welche zwar über übermenschliche Kräfte verfügen, jedoch nicht allmächtig sind und auch nicht außerhalb der Gesetze des Lebens stehen. Auf dieser Reise haben wir heute einen kritischen Punkt erreicht, an dem wir technisch bereits zu Halbgöttern geworden sind, geistig jedoch noch allzu sterblich sind. Schlimmer noch, aufgrund der geistigen Unreife, wähnen wir uns als schon in der Rolle ungebundener Götter und sind dabei an unserem Hochmut zu ersticken. Die geistige Unreife ist dabei ein Produkt unserer technischen Macht, die den Menschen trunken machte und viele der alten Weisheiten vergessen ließ. Diese wiederzuentdecken und wo nötig an unsere heutige Zeit anzupassen, ist der einzige Weg den Sturz nach unserem Hochmut abzuwenden.

Der erste Schritt hierzu besteht darin, den Menschen von der Illusion seiner allmächtigen Göttlichkeit zu befreien. Hierzu muss er sich seiner Stellung in der Natur bewusst werden, was nicht nur seine Ausgangsposition beinhaltet, sondern auch die Mechanismen, die es ihm erlauben zu einem Gott in ihr zu werden. Nicht jedoch außerhalb. Wie diese Mechanismen aussehen, sahen wir bereits in den vorherigen Kapiteln, doch der Klarheit wegen, fassen wir sie noch einmal mit anderen Worten zusammen.

Der Mensch ist von Natur aus, in seiner reinen Biologie als Einzelwesen nicht lebensfähig. Erst als Teil einer Gemeinschaft kann er den Kampf ums Überleben bestreiten und sie ist es auch, die jegliche Form höherer menschlicher Existenz ermöglicht. Die Gesellschaft hebt den Menschen zwar aus dem direkten Kontakt mit der Natur, indem sie an seiner Stelle als Superorganismus den Überlebenskampf übernimmt, doch dies Bedeutete nicht, dass dieser Kampf aufhört zu existieren. Da der Superorganismus Staat nichts anderes ist als eine Ansammlung von Menschen, kommt dem Einzelnen als Organ des großen Ganzen eine Teilfunktion in diesem Kampf zu. Der Hochmut des Menschen besteht nun darin, dass er sich nicht mehr als Teil dieses Superorganismus sieht, meint nicht auf ihn angewiesen zu sein und auch keine Verpflichtungen gegenüber ihm zu haben glaubt. Er sieht sich als Individuum, dessen Zweck in sich liegt. Diese Illusion ist darauf zurückzuführen, dass die Gesellschaft so effizient darin wurde, die in ihr lebenden Individuen vor der Umwelt zu schützen, dass diese deren Existenz vergessen haben. Wie oberflächlich dieser Glaube ist, zeigt sich dann, wenn in Krisensituationen der Schutzwall zwischen Individuum und Umwelt zu bröckeln beginnt und paradoxerweise in diesen Momenten Gemeinschaftsdenken, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit an den Tag treten und eben nicht Egoismus und Individualismus. Grade dann, wenn man glaubt, dass jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein sollte, zeigt sich, dass der Mensch in seinem Innersten noch immer weiß, dass er alleine der Welt nichts entgegenzusetzen hat, und flüchtet daher in den Schutz der Gruppe, selbst wenn dies mit initialen Kosten verbunden ist. Anders gesagt, die losgelöste Freiheit des Liberalismus existiert nur, solange die Gesellschaft das Individuum von seinen Pflichten gegenüber der Natur freikauft. Wird dieser Preis nicht mehr entrichtet, stellt sie wieder ihre Forderungen an das Individuum. Die Konsequenzen für die Nichterfüllung dieser ist der Tod.

Die Zivilisation wirkt wie eine Fliehkraft auf den Menschen, die ihn von der Basis seiner Existenz davonzutragen droht und umso stärker wird, je höher der Entwicklungsgrad der Zivilisation ist. Dieser Kraft entgegenzuwirken und dem Menschen nicht die Grundlage seines Höhenfluges vergessen zu lassen, ist eine zentrale Aufgabe für jeden Staat, der einen hohen Entwicklungsstand erreichen möchte, ohne an diesem zugrunde zu gehen. Dies kann auf verschiedene Art und Weise geschehen, doch im Grunde kommt es darauf an dem Menschen, am besten in jungen Jahren, einen Eindruck vom Leben ohne den Komfort der Zivilisation zu geben. Erst wenn er einmal am eigenen Leib erfahren hat, was es bedeutet kein fließend warmes Wasser, kein Dach über den Kopf zu haben und den Elementen schutzlos ausgeliefert zu sein, wird er den Wert dieser Dinge wirklich begreifen und von sich aus zu der Erkenntnis gelangen, warum die Gemeinschaft von ihm Pflichten einfordern muss. Ohne diese Einsicht, und genau dies ist die weitverbreitete Ansicht, werden Pflichten als willkürliche Forderungen ohne Gegenleistung der Mehrheit an den Einzelnen wahrgenommen. Mit ihr jedoch kommt das Wissen, dass diese nur ein kleiner Preis sind, um den Menschen vor den weitaus grausameren Forderungen der ungezügelten Natur zu schützen. Damit einhergehend wird auch die Illusion zerstört, dass die Härte des Lebens ein weit entfernter Ort sei oder man diese gar im Sinne eines linken Progressivismus aufgrund eines historischen Determinismus überwunden hätte. Stattdessen begreift der Mensch, dass jeder Fortschritt teuer erkauft wurde und täglich durch permanente Anstrengung aufrechterhalten werden muss, da die unerbittliche Natur nur einen Stromausfall weit entfernt ist.

Im zweiten Schritt muss der Mensch seine eigene Natur sowie die Limitierungen die sie ihm auferlegt anerkennen, denn nur so, wird er lernen mit ihr umzugehen und ggf. die Zugeständnisse gegenüber ihr zu machen, die nötig sind, dass sie nicht zu einer Last wird, die ihn nach unten zieht. Wir deuteten bereits an, welche Probleme sich dadurch ergeben, dass der Mensch noch immer von Instinkten beeinflusst wird, die an Gegebenheiten angepasst sind, die heute nicht mehr existieren. Im Folgenden wollen wir dies an einem weiteren Beispiel etwas genauer erläutern. Die Thematik, die wir hierzu heranziehen, ist die nächste Generation der Pornografie: Sexroboter, VR-Pornografie und Ähnliches. Während die heutige Debatte in diesem Bereich meist von Feministinnen geführt wird, die so wichtigen Fragen nachgehen, wie, ob Sexroboter nicht Rechte hätten und zum Geschlechtsverkehr erst ihre Einwilligung geben müssten, scheint sich niemand über die weiteren gesellschaftlichen Folgen im Klaren zu sein. Auch herkömmliche Pornografie, Printmedien und Videos, mögen einige Schäden angerichtet haben, doch die neue Generation ist von einer ganz anderen Qualität. Während Pornografie bis jetzt im Grunde ein passiver Konsum und bestenfalls ein Ersatz für die echte Sache war, erlauben die neuen Technologien eine aktive Teilnahme des Konsumenten. Aus dem Ersatz wird dadurch fast schon eine Alternative, die vielleicht einmal besser als die Realität sein wird. Die Folgen könnten sein, dass viele sich für die Alternative entscheiden, denn sie ist am Ende in jeder Hinsicht deutlich unkomplizierter. Dies könnte Männer und Frauen davon abhalten Beziehungen einzugehen, was zu einem Einbruch der Geburtenrate führen könnte, gegen die der Pillenknick harmlos war. Ein Mangel an Nachwuchs ist allerdings nicht das einzige potenzielle Problem, denn auch das allgemeine Leistungsniveau der gesamten Gesellschaft könnte beeinflusst werden. Wir wollen hier keinen freudschen Unsinn ausgraben und behaupten, alles sei im Grunde auf den Geschlechtstrieb zurückzuführen, doch lenkt man einen derart mächtigen Trieb um und verschafft ihm schier unbegrenzten Raum zur willkürlichen Entfaltung, wird dies nicht ohne Folgen bleiben. Männer könnten hier aus offensichtlichen Gründen besonders betroffen sein. Männer und Frauen gehen selbstverständlich nicht nur zur Befriedigung des Sexualtriebes Beziehungen ein. Doch auch was andere zwischenmenschliche Bedürfnisse anbelangt, arbeitet man schon fleißig an Alternativen. Kaum überraschend ist Japan hier Spitzenreiter und auf den dortigen Markt sind bereits einige Produkte erhältlich, die menschlichen Kontakt, Nähe und ganz allgemein eine Beziehung zu simulieren versuchen. Dass diese Technologien heute erscheinen und auf dem Markt viel Zuspruch erhalten, mag unter anderem an unserer sozial völlig zersetzten Gesellschaft liegen, doch dass sie Bedürfnisse ansprechen, die auch in einem gesunden Staat vorhanden sein werden, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die allgemeine Problematik, die durch dieses Beispiel verdeutlicht wird, ist, dass der Mensch zunehmend in der Lage ist, seine Bedürfnisse durch eigentlich zweckfremde „Belohnungen“ zu befriedigen. Solange der Zweck jedoch noch von gesellschaftlicher Bedeutung ist, d. h., solange man beispielsweise noch keine Menschen in Tanks züchten kann oder will und daher nur die altmodische Methode bleibt, muss dieser irgendwie erfüllt werden. Eine Möglichkeit mit diesem Problem umzugehen wäre die zweckfremde Triebbefriedigung durch Verbote auszuschalten. Verbote sollten aber immer das letzte Mittel sein, denn sie sind ohnehin nur wirksam, wenn sie eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz besitzen. Schlimmer noch, steht ein Verbot im Konflikt mit tief liegenden menschlichen Antrieben, wird sich über kurz oder lang eine Spannung aufbauen, die sich irgendwann unvermeidlich entladen muss. Diese Berücksichtigung der menschlichen Natur ist auch der Grund warum selbst autoritäre oder gar tyrannische Regime, wenn sie weise sind, es unzufriedenen Bürgern erlauben ihren Unmut auf eine für das Regime am Ende ungefährliche Weise Ausdruck zu verleihen. Aus dem gleichen Grund stößt Alkohol als eine leichte Droge auch auf breite gesellschaftliche Akzeptanz, denn er erfüllt ein scheinbar grundlegendes menschliches Bedürfnis, warum auch alle Versuche ihn, wie durch die Prohibition in den USA, zu verbieten scheiterten. Im Gegensatz dazu sind Verbote von harten Drogen im allgemeine erfolgreich, da erstens Alkohol als legale und weniger gefährliche Alternative vorhanden ist und die meisten Menschen sich den Gefahren harter Drogen bewusst sind. Eine bessere, weil grundlegende, Herangehensweise an solche Probleme wollen wir an einem oberflächlich anderen, jedoch in seiner Antwort ähnlichem Problem aufzeigen.

Die Triebbefriedigung ist noch für eine weitere gesamtgesellschaftliche Entwicklung von Bedeutung, nämlich der, dass der Großteil des Fortschrittes in den letzten Jahrzehnten auf diese ausgelegt zu sein scheint. Das bereits erwähnte Thema Pornografie ist hier beispielhaft und weitere umfassen die Unterhaltungsindustrie und den Verbrauchermarkt für Elektronik. Letzterer zeichnet sich durch etwas aus, dass wir an dieser Stelle als Pseudofortschritt bezeichnen wollen. Die Grenze zwischen echtem und „falschem“ Fortschritt lässt sich dabei nicht scharf definieren, denn technische Neuentwicklungen stellen nicht immer eine Revolution dar, wie der Übergang vom Handy zum Smartphone, sondern können auch als eine Folge von Iterationen zutage treten. Besonders für fachfremde Personen, die nicht mit den technischen Details vertraut sind, ist eine Unterscheidung damit kaum möglich. Gleichzeitig ist es aber kein Geheimnis, dass so manches neue Produkt sich lediglich durch einige Schönheitsänderungen und vernachlässigbare Details vom Vorgänger unterscheidet.

Diese Praxis ist in Teilen auf unser kapitalistisches System zurückzuführen, doch am Ende befriedigt es nur ein Verlangen, das im Menschen vorhanden ist, auch wenn dieses heute durch Marketing und eine materialistische Grundhaltung gesteigert sein mag. Dieses Verlangen, das Streben nach Wohlstand und Luxus, ist erst einmal auch nichts zu sagen, denn evolutionär ist es durch das Ziel für die Zukunft abgesichert sein zu wollen wohl begründet. Zu einem Problem wird das Streben nach Luxus erst, wenn es exzessiv wird, was die Frage aufwirft, wann die Grenze zum Exzess beginnt. Exzessiv bedeutet „das Maß sehr stark überschreitend“ oder „mehr als nötig“ und nach dieser Definition ist die Grenze zu exzessivem Luxus heute weit geringer als vor 1000 Jahren. Zu den damaligen Zeiten war das Leben durch eine Vielzahl von Ungewissheiten geprägt, weshalb ein entsprechend hohes Maß an Wohlstand als Absicherung gegen diese Unsicherheiten erstrebenswert war. Heute sind diese Unsicherheiten weitgehend eliminiert, weshalb Wohlstand als Zukunftsvorsorge von weit geringerer Bedeutung ist. Damit wollen wir nicht zwingend eine Herabsetzung des Lebensstandards fordern, denn oft stellen die modernen Annehmlichkeiten wie Kühlschränke und Waschmaschinen eine Arbeitserleichterung dar, was zu einer Multiplikation der gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit führt, aber genau hierin liegt der Unterschied zum Exzess. Das Auto, das Telefon und sogar die Klimaanlage sind Dinge, die einen Nutzen mit sich bringen, während anderes oder manche Varianten dieser Dinge allein das Verlangen des Menschen nach mehr materiellen Gütern erfüllen. Wie wenig wir eine Herabsetzung des Lebensstandards fordern, wollen wir auch kein kaltes Nützlichkeitsdenken predigen, sondern an dieser Stelle lediglich einmal die Frage aufwerfen inwieweit materieller Wohlstand in einer Gesellschaft, in der es weder Not noch Elend gibt, die Menschen wirklich glücklicher macht und unsere Existenz voranbringt.

Jetzt könnte uns dies alles egal sein, wenn sowohl menschliche Arbeitskraft als auch die natürlichen Ressourcen, die zur Befriedigung dieser Sucht nach Mehr aufgewandt werden unbegrenzt wären. Das sind sie aber nicht. Menschliche Arbeitskraft ist zwar in gewissem Sinne eine erneuerbare Ressource, doch zu einem gegebenen Zeitpunkt ist nur eine begrenzte Menge vorhanden und grade die Sorte intellektueller Arbeitskraft, die benötigt wird, um Fortschritt zu erreichen, ist besonders spärlich. Der Faktor Zeit ist jedoch von kritischer Bedeutung denn jeden Tag vernichtet die Menschheit in ihrem Konsumwahn unwiderruflich kostbare Ressourcen. Zwar legt man heute schon mehr Wert auf Recycling und Ähnliches, doch dies streckt bestenfalls die Vorräte, über die wir noch verfügen und bedenkt man, dass die gesamte stetig wachsende Erdbevölkerung einen europäischen Lebensstandard anstrebt, dann ist dies kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die einzige wirkliche Lösung dieses Problems wäre die Erschließung von Ressourcenvorkommen auf Asteroiden und anderen Planeten, doch seit die Staaten des Westens entschieden haben, dass das flächendeckende Vorhandensein geschlechtsneutrale Toiletten wichtiger sei, als Basen auf dem Mond zu errichten, sieht es in dieser Hinsicht düster aus. Dabei wäre es an der Zeit die Anstrengungen in diesem Bereich zu verdoppeln, denn so viel uns der Sprung ins All an Rohstoffen einbringen würde, erfordert sein Gelingen einiges an Ressourcen im Voraus. Ressourcen, die wir momentan fröhlich verbrennen, damit auch der Letzte stets über das neuste Smartphone verfügt, um der Welt auf Facebook und Twitter von seinem belanglosen Leben zu berichten. Haben wir erst einmal die Ressourcenvorkommen auf unserem Planeten so weit aufgebraucht, dass sie nicht mehr ausreichen, um andere zu erschließen, dann ist dies unumkehrbar. Dieser Zeitpunkt wird nicht nur das Schließen des Fensters zur Erschließung des Weltraums, sondern auch den Beginn einer langsamen Regression markieren, da wir von dort an immer weniger in der Lage sein werden die Voraussetzungen unserer hochtechnologischen Zivilisation bedienen zu können.

Das grundsätzliche Problem hinter all diesem ist der Materialismus, der, wie wir bereits sagten, auf einem unterbewussten und natürlichen Verlangen gründet, welches jedoch durch die veränderten Umstände erst zu einem Problem wird. Wir diskutierten diese Problematik schon, als wir uns mit den Folgen der Automatisierung auseinandersetzen (Deutscher Sozialismus und Digitalisierung: Die Problematik – Teil 1/9), und kamen zum Schluss, dass auf gesamtgesellschaftlicher und kultureller Ebene Strukturen und Traditionen geschaffen werden müssen, die Werte und Ziele jenseits des reinen materiellen Wohlstandes schaffen. Hierzu stellten wir zunächst fest, dass es beim Erwerb materiellen Wohlstandes ab einem bestimmten Punkt nicht mehr um das Materielle an sich geht, sondern es sich bei ihm mehr um eine Metrik handelt, die das gesellschaftliche Ansehen bestimmt. Darauf aufbauen argumentierten wir, dass man diese Metrik durch eine andere ersetzen könnte, beispielsweise sportliche, kulturelle oder künstlerische Erfolge, und man dadurch, solange materielle Grundbedürfnisse ausreichend gedeckt wären, der maßlose Konsum der Moderne unterbunden werden könnte, und zwar durch die gleichen Mechanismen, die ihn hervorriefen.

Maßnahmen wie diese sind in der Hinsicht hochgradig zielführend, wenn es darum geht, unterbewusste menschliche Antriebe in die Gesellschaft zu integrieren, als dass sie mehr als einen Gegenpol darstellen. Gegenpole sind wie Verbote oberflächliche und teils notdürftige Punktlösungen. Was wir jedoch wirklich wollen, ist die Lösung des Problems nahtlos in die DNA der Gesellschaft einzuweben, sodass es am Ende zu überhaupt keinem Ungleichgewicht mehr kommt, das man irgendwie ausgleichen müsste. Die Schaffung alternativer Wertsysteme ist eine Lösung in diesem Sinne, weil sie nicht gegen menschliches Verlangen arbeitet, sondern es geradezu anlockt, indem Dinge versprochen werden, nach denen sich jeder Mensch sehnt.

Wenn wir von Werten als sinnstiftende Lebensinhalte sprechen, kommen wir nicht umhin uns mit der noch tiefer liegenden philosophischen Frage zu befassen: was einem Wert seine Validität verleiht. Früher geschah dies durch die Religion, doch in einer von der Wissenschaft zerredeten und jedem Mysterium beraubten Welt, in der alles am Ende vielleicht nur eine Schwingung im Quantenraum ist, sind absolute Werte auf rationaler Ebene nicht mehr denkbar. Der kalte, technokratische Geist der Moderne kennt nur Mittel zu Zwecken, die wiederum jedes Mittel heiligten. Moral- und Wertesysteme sind davon nicht ausgenommen. Selbst der Humanismus, als quasireligiöse Ethik der Moderne, ist, wenn einmal durchschaut, eine Ansammlung arbiträrer Tugenden, die von den Priestern der Menschlichkeit wie Stellschrauben zur Manipulation derer verwendet werden, die die Nacktheit der Existenz nicht erkannt haben oder nicht erkennen wollen. Nicht wenige derer, die nicht Teil dieses Kultes sind, zerbrechen an der ultimativen Sinnlosigkeit der Existenz, während andere sie willig annehmen und die Befriedigung jedes noch so niederen Triebes zum einzigen Ziel des Lebens erklären. Damit sehen wir uns mit der Frage konfrontiert, die der europäische Nihilismus aufwarf: wie man Moral und Sinn in einer Welt schafft, die für alle die Beliebigkeit dieser Dinge offensichtlich ist.

Ohne externe Götter kann dieser Sinn nur aus dem Menschen selbst kommen, doch worin dieser bestehen soll, ist alles andere als einfach zu sagen, denn sie betrifft nicht nur die Menschheit als Ganzes, sondern auch den Einzelnen und mag für beide unterschiedlich ausfallen. Trotz der Schwere dieser Frage, wollen wir uns an einer Antwort versuchen und stellen dafür zunächst die Annahme auf, dass der Mensch als Gemeinschaftswesen, keinen tieferen Sinn in sich als Individuum finden kann, sondern nur als Teil und im Dienst eines größerem Ganzen. Der Mensch sucht einen Grund für seine Existenz außerhalb, weshalb das Verfolgen rein individualistischer Ziele, die Suche nach dem nächsten Kick, zwar so lange das Erleben noch neu und frisch ist, erfüllend zu sein scheint, jedoch irgendwann, wenn die Hormone aus dem Blutkreislauf verschwunden sind, nur die eigene Bedeutungslosigkeit unterstreichen. Damit der Dienst an der Gemeinheit wahrhaft sinnstiftend wird, muss er über die Ebene reiner Rationalität hinausgehen und in das Reich des Metaphysischen gehoben werden. Der Erhalt der eigenen Art und das Streben des faustischen Menschen nach dem Reich der Götter müssen zu einem neuen Mythos werden, der außerhalb jeglicher faktischen Argumentation steht. Dass die Menschen sich nach einem „Mehr“ in der von der Wissenschaft entkleideten Welt sehnen, zeigt sich nicht nur am zur Religion erhobenen Humanismus, sondern auch an der Vielzahl der spirituellen Bewegungen, wie „New Age“, „Buddhismus“ und sogar dem „Islam“, die im Westen seit einigen Jahrzehnten auf dem Vormarsch sind. Ein solcher Mythos versucht nicht wie eine klassische Religion die Welt zu erklären oder gar Neue zu erschaffen, sondern der existierenden lediglich in einer mehr-als-materiellen Weise zu deuten. Daher steht er auch nicht im Konflikt mit den Naturwissenschaften, denn beide agieren auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Die Naturwissenschaften versuchen die Welt zu erforschen, geben über diese aber keine Wertung ab, denn hierzu sind die Methoden der Wissenschaft völlig ungeeignet. Dies ist das Reich der Metaphysik, wo ihre Methoden das richtige Werkzeug sind, um die von der Wissenschaft beschriebene Welt mit Bedeutung füllen.

Ein Mythos dieser Art allein ist jedoch nicht ausreichend um sinnstiftende Lebensinhalte zu schaffen, denn er gibt zwar dem Leben an sich einen tieferen Sinn, doch sieht sich das Individuum mit der Frage konfrontiert, wo sein Platz in der Reise des faustischen Menschen ist. Anders gesagt, es geht um die Frage des persönlichen Lebenssinns, darum wie das Individuum seinen Anlagen entsprechend zu dieser Reise beiträgt. Die Antwort darauf kann selbstverständlich nur das Individuum selbst beantworten. Wie diese ausfällt, ist am Ende für uns hier uninteressant, doch was ist mit denen, die keine Antwort finden, weil sie auf den ersten Blick nicht gebraucht werden? Wir gingen dieser Frage schon im zuvor verlinkten Text zur Automatisierung nach, als wir über den sozialen Wert der Arbeit in einer Welt sprachen, in der menschliche Arbeitskraft weitgehend überflüssig geworden ist. Wir kamen dabei zum Schluss, dass der Mensch an einem Leben in Luxus und Müßiggang zugrunde gehen würde, mehr noch dass diese Dinge erst durch die Anwesenheit von Anstrengung und Entbehrung überhaupt an Bedeutung gewinnen. Um diese Polarität durch den Fortschritt eingeebnete Polarität wieder aufzurichten, sprachen wir uns dafür aus, Arbeit aus der Welt des materiellen in die der Kunst zu heben und sie somit zur Berufung zu machen. Am Ende ging es dabei jedoch nur darum, dem Menschen ein Ziel zu geben, nach dem er Streben und um das er kämpfen muss. Etwas das übrigens nicht nur für den persönlichen Lebenssinn, sondern auch als Antrieb für die gesamte Entwicklung des Menschen wichtig ist, denn oft wächst der Mensch erst unter den widrigsten Umständen zu seiner vollen Größe, während das einfache Leben weich werden lässt.

Abschließend wollen wir noch kurz umreißen, wie im Kontext des hier beschriebenen Selbstbildes des Menschen seine Beziehung zur Natur aussieht und wie durch es der alte Gegensatz zwischen Fortschritt und Naturverbundenheit aufgelöst werden könnte. Die deutsche Seele zeichnet sich seit jeher durch eine besondere Nähe zur Natur aus und doch hat der technische Wandel, den wir als den Weg zu gottähnlicher Macht beschrieben haben, massive und teils irreparable Schäden an dieser hinterlassen. Es stellt sich daher die Frage, in welcher Beziehung eine Menschheit, die fast beliebig über die Natur herrschen kann, zu dieser steht. Zunächst wollen wir jedoch hier die These aufstellen, dass die Zerstörung der Natur eine unvermeidliche Phase in der menschlichen Entwicklung war, da der Mensch weder über das Wissen verfügte die Schäden, die er anrichtete, wirklich zu begreifen, und dass selbst wenn er sich diesen bewusst gewesen wäre, nicht über die Mittel verfügt hätte etwas dagegen zu unternehmen. Ebenfalls nicht hilfreich war sicherlich die christliche Religion, welche den Rest der Schöpfung zur Ausbeutung freigab. Inwiefern eine explizit germanische Naturreligion, welche der gesamten Natur eine Göttlichkeit zuschrieb, anders gehandelt hätte, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr zu sagen, aber die massive Entwaldung durch die Römer zeigt, dass dies vielleicht auch keinen Unterschied gemacht hätte. Unabhängig davon verfügen wir heute aber sowohl über das Wissen als auch die Mittel, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen oder gar rückgängig zu machen. Einhergehend mit der Vorstellung, dass der Mensch sich in der Rolle der germanischen Götter befindet, da er zwar über gewaltige Macht verfügt aber trotzdem ein Teil der Natur ist, steht uns somit alles zur Verfügung, um die Bedürfnisse einer hochtechnologischen Gesellschaft mit denen der Natur in den Einklang zu bringen. Die Basis dieser Beziehung bildet die Erkenntnis, dass der Mensch trotz allem auf das Ökosystem angewiesen ist und es zu schützen daher oberste Priorität hat. Trotzdem verlangt der Mensch auch etwas von der Natur, seien es nun Rohstoffe, Land oder Wasser, doch dies muss nicht zwingen auf Ausbeutung hinauslaufen, denn in früheren Zeiten richtete der Bauer auch nicht sein Arbeitspferd oder Ochsen zugrunde. Sie wurden oft besser gepflegt, als der Mensch selbst, denn sie waren unersetzlich, auch wenn der Mensch der Herr war und das Tier für seine Zwecke einsetzte.

 

Zum Nachlesen: Teil 1, 2, 3

 





4 Kommentare

  • Sehr guter Artikel, nur Alkohol als ‚leichte‘ Droge oder ungefährlich zu beschreiben halte ich für problematisch.

    Flo 08.11.2018
  • Zitat:
    „Die einzige wirkliche Lösung dieses Problems wäre die Erschließung von Ressourcenvorkommen auf Asteroiden und anderen Planeten…“
    –> Ist das ernst gemeint?

    Carola 08.11.2018
    • Ist es undenkbar, daß z.B. in 50 Jahren wir auf dem Mond Rohstoffe abbauen?

      admin 08.11.2018
      • Undenkbar mag es nicht sein, aber die Frage bleibt: wie sinnvoll wäre ein derartiger „Fortschritt“?
        Zunächst wird die Erde geplündert und dann, wenn es hier nichts mehr zu plündern gibt, darf der Mond „dran glauben“?
        (Apropos „glauben“: Mondlandungen halte ich für ähnlich wahrhaftig bzw. seeligmachend wie unsere per Strafgesetz geschützte „Staatsreligion“.)

        Nächstes Zitat:
        „Zu einem Problem wird das Streben nach Luxus erst, wenn es exzessiv wird, was die Frage aufwirft, wann die Grenze zum Exzess beginnt.“
        –> Raumfahrt gilt dem Verfasser nicht als exzessiver Luxus?

        Carola 09.11.2018

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