Tradition und Brauchtum in Baden-Württemberg (3): Der Großgartacher Käsritt

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Der Großgartacher Käsritt ist ein traditionelles Heimatfest, das auf einen jahrhundertealten Brauch zurückgeht. Alle drei Jahre findet der Käsritt in der Stadt Leingarten statt, die Anfang 1970 durch einen Zusammenschluss der ehedem eigenständigen Gemeinden Großgartach und Schluchtern entstand. Anlässlich der Feierlichkeiten finden ein Festumzug, ein ländliches Pferderennen sowie zahlreiche andere Darbietungen statt, die Anziehungskraft weit über die Region hinaus ausüben. Allerorten werden die Großgartacher als Käsreiter bezeichnet. Was in früheren Zeiten als Beleidigung galt, die durchaus mit Prügel vergolten werden konnte, ist heute ein Ehrenname, der mit Stolz getragen wird.

Nordöstlich von Großgartach befindet sich das ehemalige Rittergut Hipfelhof, das in früheren Zeiten Hipfelbeuren, Huppiluren oder Hupphilbura genannt wurde. Heute gehört der Hipfelhof zu Frankenbach, einem Stadtteil von Heilbronn. Die Großgartacher besaßen im Mittelalter das Recht, ihr Vieh auf den Bruchwiesen, die zum Rittergut gehörten, weiden zu lassen. Dieses Weiderecht führte jedoch wiederholt zu Auseinandersetzungen, da die Großgartacher offenbar nicht besonders auf ihr Vieh aufpaßten und es zudem mit den Weidegrenzen nicht allzu genau nahmen. Verursachte Flurschäden sollen der Anlass gewesen sein, dass das Weiderecht zugunsten eines klugen Handels aufgegeben wurde. Die pfiffigen Großgartacher verzichteten auf ihr Weiderecht und forderten dafür zwei stattliche Käselaibe, die zusammen zwischen 12 und 16 Pfund gewogen haben sollen. So sparten sich die Großgartacher den mühseligen Umweg vom Gras über die Kuh und deren Milch bis hin zum Käse. So kamen die Einwohner von Großgartach in den Genuss des köstlichen Milchprodukts, ohne sich als Viehbauern und Käsemacher abmühen zu müssen. Fortan durften sich die Großgartacher alljährlich am Pfingstmontag zwei Käselaibe abholen.

Anderen Varianten der Überlieferung zufolge hat das Anrecht auf die jährliche Käseration seinen Ursprung im Verzicht auf ein Wegerecht oder wird auf eine Wallfahrt der Großgartacher zum Hipfelhof in vorreformatorischer Zeit zurückgeführt. Die Großgartacher verfügten über das Recht, während des Gottesdienstes, der im Rahmen der Wallfahrt abgehalten wurde, ihr Vieh auf einer Weide des Ritterhofs weiden zu lassen. Im Zuge der Reformation wurde Großgartach lutherisch, weshalb die Wallfahrt und damit auch das Weiderecht hinfällig wurden. Stattdessen vereinbarte man den jährlich zu entrichtenden „Käse-Zins“, der als Ausgleich für das verlorene Weiderecht fortan den Großgartachern zugute kam. Doch ganz egal, welche Variante historisch zutreffend ist, die Einwohner von Großgartach profitierten lange Zeit von dem Arrangement und durften sich in jedem Jahr über zwei riesige Käselaibe freuen.

Die Sitte des Käsholens entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem munteren Dorffest, das bereits am frühen Morgen mit buntem Treiben begann. Die Großgartacher Burschen versammelten sich am Pfingstmontag vor der Kirche und begannen ihren Ritt zum Hipfelhof. Außerhalb des Dorfes wandelte sich der gemeinsam begonnene Ritt in eine wilde Jagd; jeder der Burschen wollte der erste am Hipfelhof sein. Dem Sieger winkte Ruhm und Ehre bis zum folgenden Käsritt im nächsten Jahr.

Zum festlichen Ausritt kam das gesamte Dorf zusammen. Die Großgartacher Burschen legten ihr bestes Hemd und ihre schönsten Stiefel an, in ihren Händen hielt jeder einen Blumenstrauß. Die Abholung des Käses auf dem Hipfelhof folgte einem festen Ritual. Der schnellste Reiter, der als Erster den Hof erreichte, übergab seinen Blumenstrauß an den sogenannten „Pater Pfleger“, worunter der Verwalter des Gutes zu verstehen ist, das 1238 durch den edlen Ritter Wilhelm von Trykels dem geistlichen Hospital in Wimpfen vermacht wurde. Da die Wimpfener Spitalbrüder einen für Geistliche recht eigentümlichen Lebenswandel voller Sinnenfreuden führten, erregten sie das Mißfallen der geistlichen Obrigkeit, die den Hipfelhof nach Jahren der Mißwirtschaft 1695 an die frommeren Memminger Spitalbrüder übertrug. Die Memminger setzten einen Pfleger ein, der den Hof verwaltete.

Der mitgebrachte Blumenstrauß wurde dem Pfleger mit den folgenden Worten übergeben: „Guten Morgen, Herr Pater Pfleger! Da wir Großgartacher das Recht haben, allhier auf dem freiadligen Gut Hipfelhof alle Jahr einen Käs abzuholen, so wollen wir es beim alten belassen und nichts Neues aufbringen.“ Der Pfleger erwiderte den Gruß und übergab die beiden Käselaibe den beiden Reitern, die als erste den Hipfelhof erreicht hatten. Die Reiter sagten dem Pfleger Dank und trabten nach dreimaligem Ritt um die Hipfelhofer Kapelle heimwärts, wo man die duftende Spende bereits erwartete.

Am Dorfeingang von Großgartach empfingen die Dorfschönen die Reiter, hüllten die beiden Käselaibe in bunte Tücher und befestigten diese an Birkenstämmchen, von denen ebenso bunte Bänder flatterten. Beim Zug ins Dorf hinein wurde vor dem Haus des Bürgermeisters und des ortsansässigen Pfarrers Halt gemacht, die als Erste ein „Versucherle“ vom Käse naschen durften. Anschließend wurde der Käse gemeinsam von den Großgartachern auf dem Dorfplatz verzehrt. Bis spät in die Nacht feierte man mit Tanz und Spiel, wobei der Wein reichlich geflossen sein soll.

Im Jahre 1836 wurden im Interesse der Verwaltungsvereinfachung landesweit zahlreiche alte Vorschriften bereinigt, wovon auch das „Käserecht“ betroffen war. Anstelle der jährlichen Käselaibe erhielt die Gemeindekasse von Großgartach 40 Goldgulden als einmalige Abfindung. Übrig blieb darüber hinaus lediglich die Erinnerung an den Käse vom Hipfelhof und der Spottname „Käsreiter“ für die Großgartacher, die bisweilen auch „Käsbuben“ genannt werden.

Erst ca. 100 Jahre später erinnerte man sich wieder des historischen Brauches, wobei wirtschaftliche Notwendigkeiten ausschlaggebend waren. Große Mengen Weines fanden keine Abnehmer, weshalb Winzer und Gastwirte auf der Suche nach einem Volksfest waren, um den Umsatz des Volksgetränks zu steigern. Natürlich spielte auch der Gedanke der Dorfgemeinschaft eine nicht unerhebliche Rolle. Der Kunstmaler und Grafiker Richard Herda-Vogel entdeckte anhand von alten Aufzeichnungen in den Rathausarchiven die Tradition des Käsritts wieder, sodass der Brauch 1950 wiederbelebt wurde.

Der Anspruch der Großgartacher auf die Käselaibe ist zwar seit langem erloschen, allerdings stiftet die Gutsverwaltung des Hipfelhofes anlässlich der heute stattfindenden Feste den Käse. Der Großgartacher Käsritt ist heute ein großes Volks- und Heimatfest der Gemeinde Leingarten, bei dem in der Regel alle drei Jahre Großgartacher und Schluchterner gemeinsam feiern. Der Käsritt findet nicht mehr an Pfingsten statt, sondern wurde auf einen Termin im September verschoben. Bedauerlicherweise fand der letzte Käsritt im Jahr 2017 statt. Seit 2020 wird das Fest immer wieder verschoben; erst war es die Corona-Pandemie, dann eine anderweitige Belegung des Festplatzes, die für wiederholte Absagen sorgte. Es bleibt zu hoffen, dass diese Tradition nicht erneut völlig in der Versenkung verschwindet und damit uraltes Brauchtum erlischt.

Weitere Teile unserer Artikelserie über Tradition und Brauchtum in Baden-Württemberg findet ihr hier:

Das Stockacher Narrengericht

Der Storchentag in Haslach

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