
Doch der Aufbau einer heimischen Wasserstoffwirtschaft kommt nur schleppend voran. Um die klaffende Lücke zwischen Anspruch und Realität zu schließen, setzt Berlin nun verstärkt auf Importe aus Saudi-Arabien. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche reiste hierfür mit einer Wirtschaftsdelegation, darunter zahlreiche Vorstandschefs großer Konzerne, in das saudische Königreich, um mit Energieminister Abdulaziz bin Salman eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit zu unterzeichnen.
Der Schulterschluss mit der autoritär regierten sunnitischen Ölmacht soll Deutschlands Wasserstoffstrategie retten, wirft jedoch energiepolitische, wirtschaftliche und moralische Fragen auf.
Hohe Energieverluste bei Herstellung und Transport
„Grüner Wasserstoff“ aus Saudi-Arabien klingt nach einer sauberen und zukunftsweisenden Lösung, doch bis das vermeintlich klimaneutrale Gas tatsächlich zur Energieversorgung in Deutschland beitragen kann, ist es ein weiter, energieintensiver Weg. Zunächst wird in Saudi-Arabien Wasserstoff per Elektrolyse mit Strom aus Sonne und Windkraft erzeugt. Industrielle Elektrolyseure erreichen dafür typischerweise Wirkungsgrade von 60 bis 70 %. Das bedeutet: Um 100 kWh nutzbaren Wasserstoff zu erzeugen, müssen bereits rund 140–165 kWh erneuerbare Energie in die Elektrolyse eingespeist werden.
Anschließend wird der Wasserstoff im Haber-Bosch-Verfahren mit Stickstoff aus der Luft zu Ammoniak synthetisiert. Dieser Schritt erfolgt nicht aus Effizienzgründen, sondern aus logistischer Notwendigkeit. Reiner Wasserstoff lässt sich nur bei −253 °C verflüssigen und benötigt hochspezialisierte Tanks. Ammoniak hingegen verflüssigt sich bei −33 °C, ist leichter handhabbar und es gibt für diesen eine globale Produktions- sowie Transportinfrastruktur. Für die Synthese kann man mit weiteren ca. 30 kWh pro 100 kWh Wasserstoff rechnen, um Druck, Temperatur und den Betrieb der Reaktoren bereitzustellen.
Das Ammoniak wird im Anschluss per Tanker nach Europa verschifft. Auch hier entstehen Energieverluste für die Verflüssigung, Lagerung und den Schiffsantrieb. Die hierfür benötigte Energie lässt sich nur schwer exakt quantifizieren. Schätzungen gehen für diese Schritte jedoch von etwa 10 kWh pro 100 kWh Wasserstoff aus. Die Tatsache, dass die Schiffe mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, relativiert zudem deutlich den „grünen“ Charakter des Energieträgers.
In Deutschland angekommen, muss das Ammoniak wieder zu Wasserstoff aufgespalten werden, bevor es in das geplante Wasserstoff-Kernnetz eingespeist werden kann. Wie das Handelsblatt berichtet, planen der Energiekonzern EnBW und der saudi-arabische Energieerzeuger ACWA Power hierfür im Hafen von Rostock den Bau eines sogenannten Crackers. Dort könnten für den letzten Schritt ungefähr weitere 25–35 kWh pro 100 kWh Wasserstoff benötigt werden.
Addiert man alle Schritte, zeigt sich, dass vom ursprünglich erzeugten erneuerbaren Strom am Ende nur 30–40 % Energie in Form von nutzbarem Wasserstoff im deutschen Netz übrigbleiben. Die groben Schätzungen verdeutlichen, dass die Transport- und Umwandlungskette von Saudi-Arabien nach Deutschland extrem energieintensiv ist und der grüne Wasserstoff auf seinem Weg massive Effizienzverluste erleidet.
Saudi-Arabien und die Menschenrechte
Neben den hohen Energieverlusten sollte man auch betrachten, mit wem Deutschland dort die Zukunft der Energiepolitik verhandelt. Als der Weltfußballverband FIFA im Dezember 2024 bekanntgab, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 in Saudi-Arabien stattfinden wird, stieß dies international auf scharfe Kritik. Auch deutsche Politiker äußerten deutliche Vorbehalte. So betonte Sabine Poschmann, damalige sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, dass die Vergabe angesichts der systematischen Menschenrechtsverstöße in Saudi-Arabien nicht gutgeheißen werden könne.
Tatsächlich steht das wahhabitische Königreich weiterhin weltweit in der Kritik. Die Verfolgung von Dissidenten, der Einsatz mittelalterlicher Methoden zur Anwendung der Todesstrafe, willkürliche Gewalt sowie die Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit sind nur einige der dokumentierten Missstände.
Vor diesem Hintergrund wirkt es bemerkenswert, dass die erneute Unterzeichnung des sogenannten grünen Wasserstoff-Deals zwischen Deutschland und Saudi-Arabien kaum öffentliche Empörung auslöst. Während bei der WM-Vergabe noch politische Debatten und moralische Bedenken laut wurden, scheint bei der Erfüllung der Klimaziele der Umgang mit Menschenrechtsfragen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Für die Durchsetzung der Klimaideologie wird dann schon einmal gerne mit zweierlei Maß gemessen.
Nationale Energiepolitik
Der mühsame und wenig effiziente Import von vermeintlich grünem Wasserstoff kann nicht der richtige Weg für Deutschlands künftige Energiegewinnung sein. Stattdessen muss stärker in die Energieerzeugung und Infrastruktur im eigenen Land investiert werden. Strom, der vor Ort produziert wird, muss weder chemisch umgewandelt noch über Tausende von Kilometern transportiert werden. Das spart Energie, senkt Kosten und macht unabhängiger von geopolitisch fragwürdigen Partnerschaften. Gleichzeitig reduziert es die Notwendigkeit, wirtschaftliche Bündnisse mit Staaten einzugehen, deren Menschenrechtslage immer wieder Anlass zu Kritik gibt.
Eine erfolgreiche Energiewende braucht deshalb vor allem Rationalität statt Ideologie. Dazu gehört, alle verfügbaren Optionen nüchtern zu prüfen. Neben erneuerbaren Energien müssen daher auch andere alternative Konzepte und Technologien wie die Atomenergie ergebnisoffen diskutiert werden. Wer Umwelt- und Heimatschutz ernst meint, sollte sich nicht von Dogmen leiten lassen, sondern von physikalischen Realitäten und Wirtschaftlichkeit; und muss insbesondere auch die Versorgungssicherheit im Blick behalten.
Der grüne Wasserstoff aus Saudi-Arabien mag auf dem Papier gut klingen, taugt als tragende Säule einer nachhaltigen und souveränen Energiepolitik jedoch nur äußerst begrenzt. Eine zukunftsfähige Strategie beginnt nicht in der Wüste, sondern vor der eigenen Haustür!













