Volk, Land, Eros – Teil 2: Land und Herrschaft 3/3

National Revolutionär SozialistischDer göttliche Erdgeist im „patria naturae“

Dies änderte sich erst mit dem Aufkommen des chthonischen Motivs in der Romantik, demnach die als personifiziert gedachte Erde im Sinne eines „göttlichen Erdgeistes“ in den Mittelpunkt von Glaube und Kult gestellt sowie als eine durch Arbeit, Kultur und Geschichte modifizierbare, im Wesen aber unveränderliche Konstante beschrieben wurde.35 Diese romantisch-chthonische Bodenverklärung, die das Resultat einer Suche nach Gegenbegriffen zu Endlichkeit und Unumkehrbarkeit darstellte, belebte den national-emotionalen Eros wieder und gab ihm im patria naturae eine neue Heimat. Damit avancierte das „Land“ mit all seinen Traditionen und kulturell-geistigen Errungenschaften zu einer Verkörperung von Zeitlosigkeit und war fortan sowohl für die Reflexionen der eigenen nationalen Identität, als auch zur Beschwörung einer letzten Instanz in Situationen der Krise und des Verfalls alter Ordnungen bedeutsam. Doch riss die Verbindung des Chthonismus zur Naturphilosophie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert allmählich ab.

 

Entwicklung des Bodens zum Sozialisationsraum

Sowohl nach der 1. Depotenzierung (Boden als ein Faktor unter anderen Faktoren), bei der die Idee einer Re-Agrarisierung aus wirtschafts- und geopolitischen Erwägungen erwuchs, als auch nach der 2. Depotenzierung (Boden als geschichtlich-soziale Größe), bei der durch eine Abneigung gegen Großstädte der Boden zum Sozialisationsraum wurde36, entwickelte sich ein ethnozentrisches Raumdenken37, in dessen Konsequenz eine Abwertung des chthonischen Motivs lag. Galten Natur und Landschaft ursprünglich als die den Menschen bestimmenden Instanzen, so transformierten sie sich nun zu Objekten, an denen die Völker ihre Eigenschaften entwickeln und kulturelle Charaktere entfalten sollten.38 Mit der „Anpassung an die konkrete Natur“ war nicht mehr das Befolgen von Naturgesetzen, sondern die Durchsetzung eines subjektiven Gegenprinzips gemeint, das der Kultur eine autonome Basis verschaffen sollte.

Die Natur wurde fortan als eine Kraft gedeutet, die zu ihrer Überwindung aufforderte und dadurch als eine Art Gegen-Natur, den Menschen überhaupt erst erzeugte.39 Anstelle Schollengebundenheit als „harmonische Individuation eines Volkes in der umgebenden Natur“40 aufzufassen, wurde der Widerspruch zwischen Anpassung und Loslösung von der Natur vermittelt durch die Bestimmung von Subjektivität als eine aus ihr hervorgehende und gleichzeitig an sie gebundene menschliche Eigenschaft41. So konnten sich aufklärerische (Vorstellung von Subjektivität) und konservative Elemente (unbedingte Konkretheit des Naturbezugs) miteinander verbinden. Prägend für das 20. Jahrhundert wurde daher vor allem die Entwicklung einer anti-modernen Fortschrittstheorie als moderner Naturanpassungstheorie. Hier wurde die natürliche Subjektivität zum einen über einen Kampfzusammenhang an die konkrete Natur gebunden, zum anderen aber wurde aus dem mit Willensstärke und Tatkraft ausgestatteten Subjekt auch die emanzipatorische Funktion der Industrie als rationale Herrschaft über die Natur abgeleitet.

 

Bindung der „patria naturae“ an die Nation

Im Ergebnis ist der heroische Vaterlandsgedanke spätestens seit der Aufklärung an die Nation gebunden gewesen, um gleichermaßen dem egoistischen Individualismus und der Obrigkeitsstaatlichkeit entgegenzustehen. In dieser Konstruktion von vaterländischer Gemeinschaft kamen die emanzipatorischen Tendenzen gegenüber einer feudalen Ordnung und den Herrschaftsansprüchen der Kirchen deutlich zum Ausdruck.42 Primär sollte der nationale Eros dem Aufbau und Erhalt des Gemeinwesens dienen, denn sein kollektives Gefühl der Liebe zur Gemeinschaft wirkt stets integrativ und erschien daher geeignet die Spannung aus subjektivem Interesse und Gemeinwohl in Balance bringen.43 Immer wieder wurden daher die „Wohlfahrt“ und das „gemeine Beste“ des Vaterlandes dem schädlichen „Eigen-Nutzen“ einzelner gegenübergestellt.44

 

Dualismus zwischen Soldaten- und Verfassungsstaat

Jedoch bedeutete die bürgerlich-liberale Entwicklung des 19. Jahrhunderts – vor allem für Preußen – eine Zeit fortwährender offener oder verdeckter Konflikte, die langfristig Staat und Volksvertretung sowie Heer und Staatshaushalt betrafen45, wovon auch der Nationalismusbegriff und die mit ihm einhergehenden kollektiven Identitätsbildungen nicht unberührt blieben: „Soldat und Bürger standen in dem Gesamtgefüge des ‚konstitutionellen’ Preußen in einem Gegensatz, der sich nach der Reichsgründung auch auf das Deutsche Reich übertrug und es politisch und geistig in zwei Teile spalten mußte. […] Sie [die Idealvorstellungen des 19. Jahrhunderts] haben sich in jenem Dauerkonflikt von Soldat und Bürger zahlreiche feste, handliche Begriffe […] geschaffen und die Auseinanderreißung von Heer und Verfassung, Staat und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft als einen Dauerzustand herausgebildet.“46

Trotz des Versuchs der konstitutionellen Monarchie des 19. Jahrhunderts einen Kompromiss zwischen deutschem Soldatenstaat und bürgerlichem Verfassungsstaat herbeizuführen, ließ sich der wesensmäßige Gegensatz von Soldat und liberalem Bürger selbst durch wirtschaftliche Prosperität nur schwerlich verdecken. In diesem Ringen kam dem Beamtentum eine Art Zwischenposition zu: „In der Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Soldatenstaat und der bürgerlichen Gesellschaft war der ‚liberale Geheimrat’, nach seiner Bildung und seiner objektiven Lage, keineswegs ein geistiger Bundesgenosse des Soldatenstaates.“47 Denn zwischen ihm und dem Monarchen standen Gesetz und Verfassung; nicht auf den König, sondern auf ein Normensystem wurde der Beamte vereidigt, während der Soldat den Fahneneid seinem König leisten musste.48

Doch verbarg sich hinter dem Dualismus von preußischem Soldatenstaat und bürgerlichem Verfassungsstaat nicht nur ein machtpolitischer Kampf um einander ausschließende Führungs-, Bildungs- und Erziehungsansprüche, sondern zugleich ein fundamentaler identitärer Widerstreit zweier Menschentypen. Hatte sich bereits vor und nach dem Siebenjährigen Krieg der Antagonismus von Bildung und Besitz gegen den kriegerisch-blutlichen Soldatenethos im Vaterlandsbegriff gezeigt, so verfestigte sich durch das veranstaltlichte Staatsgefüge in der Folgezeit ein dem ursprunghaften vaterländischen Eros entgegengesetzter und in Konkurrenz zu ihm auftretender bürgerlicher „Verfassungspatriotismus“. Dessen Ethos sah in den kognitiven Einstellungen zur Verfassung seine eigentliche Quelle und bevorzugte daher die verstandesmäßig eingehegte Emotion der Bürger gegenüber den Grundwerten des politischen Systems, die auf zweckrationalen und Vernunft gründenden Überlegungen basieren sollte.49

 

Negativ-germanozentrischer Absolutismus im ausgehenden 20. Jahrhundert

Mit dem Aufkommen eines negativ-germanozentrischen Absolutismus und der „Holocaust-Industrie“ im späten 20. und 21. Jahrhundert errang der Bürger den endgültigen Sieg über den Soldaten. Unter den Bedingungen negativer Dialektik als wirkmächtigstes erinnerungspolitisches Interpretationsprinzip der Nachkriegszeit und der darauffolgenden Postmoderne wurde der tradierte Nationalismus durch einen „Patriotismus“ abgelöst, der fernab von gewachsener kultureller wie ethnisch-biologischer Zugehörigkeit bestimmt wurde, keinem echten Liebesereignis mehr entsprang, sondern nur noch zweckrational als Integrationsmedium moderner parlamentarischer Anstalten fungieren sollte. Es entspricht dies prinzipiell einer verhängnisvollen Indentitätsentartung, denn die damit einhergehende Zurückdrängung des echten nationalen, vaterländischen Eros verunmöglicht den Rückbezug auf das chthonische Motiv ebenso wie auf entscheidende kulturelle Faktoren und völkischen Eigenheiten. Ohne tiefere Empfindungen der Liebe zum eigenen Sein kann aber keine dauerhaft tragfähige identitätsstiftende Symbiose aus Leben und Raum erfolgen; als direkte Folge dieser Entwicklung ist an die Stelle einer tiefen, echten Volkstumsliebe im Zuge des total gewordenen multikulturellen Universalismus die (zerstörerische) „Liebe“ zur Dekonstruktion positiver, wesenseigener – d.h. historisch auf Volk und Land bezogener – Gefühlsereignisse getreten.

 

Fortsetzung folgt…

 

Zum Nachlesen:

Volk, Land, Eros – Teil 1: „Hass und Hetze“ oder kairologischer Eros? 1/2
Volk, Land, Eros – Teil 1: „Hass und Hetze“ oder kairologischer Eros? 2/2

Volk, Land, Eros – Teil 2: Land und Herrschaft 1/3
Volk, Land, Eros – Teil 2: Land und Herrschaft 2/3

 

 

35Vgl. Stefan Breuer: Ordnungen der Ungleichhheit – die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871–1945, Darmstadt 2001, S. 21.

36Vgl. Breuer, Ordnungen der Ungleichheit, S. 36-46.

37Das Wort „Raum“ geriet in Konkurrenz zum chthonischen Boden-Motiv: Mit Raum verbanden sich Vorstellungen von Entwicklung, Wandel und Ausdehnung. Das chthonische Motiv hingegen wurde benutzt zur Beschwörung einer letzten Instanz in Situationen der Krise und des Verfalls alter Ordnungen. Das chthonische Motiv diente ursprünglich als eine Kategorie zur Etablierung einer neuen Ordnung in einer Zeit des Umbruchs. Das Wort „Raum“ hingegen griff expansionistisch über diese Bedeutung hinaus und korrespondierte historisch mit dem flexibleren Reichsbegriff, der ursprünglich den von einer Herrschaft umspannten Raum beschrieb.

38Vgl. Mathias Eidenbenz: „Blut und Boden“. Zu Funktion und Genese der Metaphern des Agrarismus und Biologismus in der nationalsozialistischen Bauernpropaganda R.W. Darrés, Diss. (= Europäische Hochschulschriften, Bd. 580 in der Reihe 3 Geschichte und ihre Hilfswissenschaften), Bern 1993, S. 45.

39Vgl. Margrit Bensch: Die „Blut und Boden“-Ideologie. Ein dritter Weg der Moderne (= Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur, Bd. 2), Berlin 1995, S. 98.

40Ebd., S. 107.

41Vgl. ebd..

42Vgl. Hans-Martin Blitz: Aus Liebe zum Vaterland. Die deutsche Nation im 18. Jahrhundert, Hamburg 2000, S. 93.

43gl. Rebekka Fleiner / Claudia Ritzi / Gary S. Schaal: Zwischen Liebe und Vernunft. Drei Modelle von Patriotismus in Theorie und Praxis, unter: https://pdfs.semanticscholar.org/b0fb/4a5bdc1c1a34784ffc4a5d6772c8633b9343.pdf?_ga=2.267856455.854668149.1597942284-1910218723.1597942284 (letzter Zugriff: 20.08.2020), S. 187-204, hier S. 189.

44Vgl. Blitz, Aus Liebe zum Vaterland, S. 94.

45Vgl. Carl Schmitt: Staatsgefüge und Zusammenbruch des zweiten Reiches. Der Sieg des Bürgers über den Soldaten, ND, Berlin 2011, S. 5.

46Schmitt, Staatsgefüge und Zusammenbruch des zweiten Reiches, S. 5.

47Ebd., S. 10.

48Vgl. ebd..

49Vgl. Fleiner / Ritzi / Schaal, Zwischen Liebe und Vernunft, S. 189.





1 Kommentar

  • Tut mir leid, Kameraden, da muss ich in der Schule wohl einige Zeit gefehlt haben ! Ob wir das noch nachholen könnten ….?

    Hans Wurst 07.02.2021

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